Mehrere Fußballspieler in roten Trikots mit blauen und weißen Streifen jubeln auf einem Spielfeld. Einer der Spieler trägt einen Teamkollegen auf dem Rücken. Im Hintergrund sind Zuschauer in gelben und roten Oberteilen auf den Tribünen zu sehen. Die Szene spielt sich bei Tageslicht in einem Stadion ab.

Viertelfinale in Miami: Schockt Norwegen auch die Three Lions?

Im dritten Viertelfinale der FIFA Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko kommt es zum rein europäischen Duell zwischen Norwegen und England. Am Samstag um 23 Uhr MESZ erwartet die Three Lions dabei ihr bislang größter Härtetest im Turnier. Während das Team von Trainer Thomas Tuchel als Mitfavorit auf den Titel in den ersten beiden K.o.-Runden jedoch nicht vollends überzeugte, wurde Norwegen seinem Geheimfavoritenstatus bislang mehr als gerecht. Können die Skandinavier im Duell der Topstürmer zwischen Erling Haaland und Harry Kane die nächste Fußball-Großmacht ärgern?

Qualität statt Quantität: Norwegen äußerst effizient

Für die Norweger lässt sich die WM 2026 bereits als großer Erfolg verbuchen. Schließlich besiegte man im Achtelfinale Brasilien mit 2:1 und steht erstmals in der Verbandsgeschichte im Viertelfinale eines großen Turniers. Das Team von Trainer Stale Solbakken konnte sich gegen den Rekordweltmeister neben dem starken Keeper Örjan Nyland, der einen Foulelfmeter von Bruno Guimaraes parierte, einmal mehr auf seinen Goalgetter Haaland verlassen. Der Angreifer schnürte gegen die Südamerikaner trotz eines xG-Werts von nur 0,47 einen Doppelpack und liegt in der WM-Torschützenliste mit sieben Toren (4 Spiele) hinter Lionel Messi (8 Tore in 5 Spielen) auf Platz 2. Vier dieser Treffer waren dabei spielentscheidende Tore. In der WM-Geschichte gelangen nur zwei Spielern in einer einzigen WM-Endrunde mehr Treffer dieser Art: Polens Grzegorz Lato (5, 1974) und Italiens Salvatore Schillaci (5, 1990).

Fotocredit: Getty Images

Dem 25-jährigen Torjäger von Manchester City wird auch gegen England eine Schlüsselrolle zukommen. Die Offensive der Norweger brillierte bislang nämlich vor allem durch ihre Effizienz. 17 Teams haben mehr Schüsse bei diesem Turnier vorzuweisen als die Skandinavier (53), die jedoch 47,2 Prozent davon (25) aufs Tor brachten. Fast die Hälfte der Torschüsse zappeln letztlich im Netz. Überhaupt erzielten bislang nur Frankreich, Argentinien (je 14) und Belgien (13) mehr Tore als Norwegen (12) und nur drei Teams kreierten mehr Großchancen (14). Mit einer Chancenverwertung von 22,64 Prozent verfügt man über die drittbeste Quote im gesamten Turnier und gleichzeitig über die beste aller verbliebenen Teams. Kann die Solbakken-Elf diese Effizienz auch im Hard Rock Stadium in Miami auf den Platz bringen, scheint eine Sensation gegen England nicht ausgeschlossen.

Weltmeisterliche Resilienz der Three Lions

Nach Frankreich in der Gruppenphase (1:4-Niederlage mit der B-Elf) und Brasilien im Achtelfinale wartet mit den Three Lions nun das dritte Topteam im Turnierverlauf auf Norwegen. Dabei kommt es am späten Samstagabend zu einem Novum, denn die Skandinavier und England treffen zum ersten Mal überhaupt bei einer WM aufeinander. Wenngleich der direkte Vergleich zwischen beiden Teams wenig schmeichelhaft für Norwegen ausfällt (nur 2 Siege in 12 Spielen), ist dieser zugleich wenig aussagekräftig – trafen die beiden Teams doch zuletzt vor fast zwölf Jahren in einem Testspiel aufeinander (1:0-Sieg England). Abgesehen von Jordan Henderson und John Stones sowie Norwegens Keeper Nyland steht kein Spieler von damals in den aktuellen WM-Kadern beider Nationen.

Im Gegensatz zu den Skandinaviern lässt sich das Turnier aus englischer Sicht noch nicht als Erfolg verbuchen. Der Grund dafür ist jedoch äußerst simpel: Nachdem man bei den letzten beiden Weltmeisterschaften im Viertelfinale (2022) und Halbfinale (2018) scheiterte und 2024 und 2021 jeweils das Finale der Europameisterschaft erreichte, wäre bei der WM 2026 alles andere als der Titel eine Enttäuschung für das Tuchel-Team! Für den ersten WM-Erfolg seit 1966 werden sich die Three Lions aber steigern müssen. Nach einer soliden Gruppenphase mit Siegen über Kroatien (4:2) und Panama (2:0) sowie einem torlosen Remis gegen Ghana, taten sich die Engländer in den ersten beiden K.o.-Spielen durchaus schwer.

Vor allem im Sechzehntelfinale drohte ein blamables frühes Aus gegen Fußball-Zwerg DR Kongo, das nur dank zweier später Treffer von Torgarant Kane (75./86.) noch abgewendet werden konnte (2:1). Im Achtelfinale zeigten sich die Three Lions dann deutlich verbessert und stellten in einem wilden Schlagabtausch gegen Gastgeber Mexiko ihre Resilienz in Unterzahl unter Beweis (3:2) – ein Attribut, das auf dem Weg zum Titel entscheidend werden kann und sicherlich auch gegen Norwegen gefragt sein wird. Schließlich schied man in fünf der vergangenen sechs K.o.-Spiele bei einer WM gegen europäische Gegner aus. Die jüngsten drei Duelle dieser Art gingen allesamt verloren.

Damit dieses Schicksal nicht auch das 2026er Team ereilt, setzt Tuchel neben einer guten, aber noch verbesserungswürdigen Defensive (4,19 xGA, 5 Gegentore) vor allem auf seine Offensivstars Jude Bellingham und Kane. Der Bayern-Angreifer erzielte bereits sechs Treffer und ist damit erst der dritte Engländer, der diese Marke bei einem großen Turnier erreicht. Zuvor gelang dies nur Gary Lineker bei der WM 1986 sowie Kane selbst bei der WM 2018. In den vergangenen zwölf K.o.-Spielen bei großen Turnieren war der 32-Jährige an elf Treffern beteiligt.

Fotocredit: Getty Images

Bellingham wiederum schrieb mit seinem Doppelpack gegen Mexiko englische Geschichte: Der 23-Jährige ist der erste Mittelfeldspieler Englands, der bei einer WM vier oder mehr Tore in einer Endrunde erzielte. Zudem kommt Bellingham auf eine Chancenverwertung von 33,3 Prozent – der höchste Wert eines englischen Mittelfeldspielers mit mehr als drei Torschüssen bei einer WM seit Beginn der Opta-Datenerfassung im Jahr 1966. Vier seiner zwölf Abschlüsse fanden den Weg ins Tor.

Kane, Bellingham, Haaland – das Viertelfinale zwischen Norwegen und England dürfte durchaus torreich werden. Immerhin trafen die Skandinavier bislang in allen fünf Partien und kassierten zugleich in jedem Spiel mindestens ein Gegentor. England wiederum steht zum elften Mal in einem WM-Viertelfinale, überstand jedoch nur drei dieser zehn Partien. In sieben der zehn Viertelfinals kassierte die Mannschaft zudem jeweils mindestens zwei Gegentore.