Daten und Metriken spielen im Sport eine größere Rolle als je zuvor. Sie entscheiden längst nicht mehr nur im Hintergrund über Transfers oder Trainingssteuerung, sie prägen ganze Spielphilosophien. Was früher nach „Moneyball“ klang, ist heute im Spitzensport zur Normalität geworden: Im American Football, Baseball oder Basketball sind Advanced Stats fester Bestandteil der Analyse. Und auch im Fußball haben Expected Goals, Pressingintensität oder progressive Pässe die Diskussion verändert. Mit Blick auf die FIFA Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko stellt sich daher eine zentrale Frage: Haben Ballbesitz, Passquote und Co. ausgedient und welche Daten und Metriken werden dieses Turnier wirklich prägen?
Der ballbesitzorientierte Spielstil
Jahrzehntelang galt der Ballbesitz eines Teams als DER Gradmesser eines dominanten Spielstils – der seinen Höhepunkt in der Tiki-Taka-Ära unter Pep Guardiola fand. Der Ballbesitz als Kennzahl war populärer als je zuvor. Auch wenn dieser heutzutage weiterhin seine Berechtigung hat, ist für einen dominanten Spielstil statistisch gesehen nicht nur die Quantität des Ballbesitzes entscheidend, sondern natürlich auch dessen Qualität. Dahingehend lohnt es sich tiefer in entsprechende Daten und Metriken einzutauchen, die mehr Informationen zu Spielkontrolle, Raumgewinn und Effizienz liefern.
Um die Spielkontrolle zu messen ist neben dem prozentuellen Ballbesitz und der Anzahl an gespielten Pässen besonders auch die territoriale Kontrolle entscheidend. Den Ball in der eigenen Hälfte zirkulieren zu lassen sorgt zwar für hohe Ballbesitzwerte, ermöglicht aber keine validen Aussagen darüber, ob das Team auch gefährliche Torchancen kreieren kann. Demnach ist neben dem Ballbesitz, der Passgenauigkeit und den Pässen pro Angriffssequenz auch der Anteil der Ballaktionen im letzten Drittel besonders interessant: Wie viele Pässe werden erfolgreich progressiv ins letzte Drittel gespielt? Auf wie viele progressive Läufe kommt ein Team? Und wie hoch ist die Passquote im letzten Spieldrittel? Auf diese Weise ist man in der Lage, statistisch die Spielkontrolle eines Teams mit ihrem Raumgewinn zu verbinden. Besonders aussagekräftig sind ganz grundsätzlich somit auch linienbrechende Pässe, Pässe zwischen den Linien, der prozentuale Anteil an vertikal gespielten Pässen und Ballaktionen im gegnerischen Strafraum.
Diese Daten sollten anschließend mit der Effizienz eines Teams in Verbindung gebracht werden. Die Chancenqualität lässt sich hierbei besonders gut mit xG-Werten belegen. Der klassische Expected-Goals-Wert (liegt zwischen 0 und 1 bei jeder Torchance) misst die Qualität einer Torchance und die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden Treffers. Die Berechnungen basieren auf historischen Daten wie Schussentfernung,Winkel oderVerteidigerposition. Ein xG-Wert von 0,25 bedeutet somit, dass statistisch betrachtet 25 von 100 Schüssen in dieser Spielsituation zu einem Treffer führen. Um die Effizienz besonders detailliert zu erfassen, lohnt sich auch immer ein Blick auf die Werte xG pro Schuss, xG pro Angriffssequenz und die kreierten Großchancen.
Will man auch die Abschlusseffizienz berücksichtigen, sollte man Metriken wie die Shot Conversion Rate (Chancenverwertung), den prozentualen Anteil der Torschüsse in Relation zu den gesamten Schüssen oder auch die Over-/Under-Performance der xG im Vergleich zu den tatsächlich erzielten Treffern analysieren. Liegen die erzielten Tore (deutlich) über dem xG-Wert, agierte eine Mannschaft besonders effizient vor dem gegnerischen Tor, während sich die Dominanz einer Mannschaft auch aus der xG-Differenz ableitet, also ob ein Team (deutlich) mehr Erwartete Tore (xG) als Erwartete Gegentore (xGA) verzeichnet.
Kombiniert man alle Daten dieser Metriken aus Spielkontrolle, Raumgewinn und Effizienz lässt sich letztlich nicht nur messen, ob eine Mannschaft über einen hohen Ballbesitzanteil verfügt, sondern zusätzlich auch, ob sich diese Spielkontrolle in Torgefahr und effiziente Abschlüsse ummünzen lässt. Kaum ein Team setzt diesen Spielstil dabei erfolgreicher um als die spanische Nationalmannschaft. Bei den letzten beiden Großturnieren gehörte die Furia Roja trotz sehr unterschiedlichem Ausgang (2022: WM-Aus im Achtelfinale, 2024: Europameister) in Sachen Ballbesitz (77,05 Prozent – 1. Platz/58,31 Prozent – 3.), Passgenauigkeit (90,92 Prozent – 1./89,5 Prozent – 4.), Pässen ins letzte Drittel (366 – 4./390 – 2.) und der Chancenverwertung (18,37 Prozent – 5./12,3 Prozent – 5.) jeweils zu den absoluten Topteams. Auch ihre Qualifikationsgruppe zur WM 2026 dominierten sie auf diese Art und Weise nach Belieben.

Pressing- und Umschaltteams
Grundsätzlich vertrauen Mannschaften über die Dauer einer Partie meist nicht ausschließlich isoliert einem Spielstil, sondern je nach Gegebenheiten und Gegner kann dieser immer wieder angepasst und verändert werden, weshalb die folgenden Daten und Metriken auch für ballbesitzorientierte Mannschaften interessant sein können. Wirklich aussagekräftig sind diese aber vor allem für Teams, die auf schnelle Umschaltmomente und intensives Pressing setzen.
Um die Intensität des Pressings einer Mannschaft statistisch zu erfassen, ist vor allem der PPDA-Wert (Passes per Defensive Action) entscheidend. Dieser Wert gibt an, wie viele Pässe ein Team dem Gegner durchschnittlich erlaubt, bevor eine Defensivaktion wie ein Tackling, ein geblockter Pass oder eine Balleroberung erfolgt. Ein niedriger PPDA-Wert verdeutlicht ein aggressives Pressing (ein Wert <8 entspricht einem sehr hohen Pressing), ein hoher Wert ein eher passives Verteidigen. Wie disruptiv die Spielweise eines Teams tatsächlich ist, lässt sich oft auch an der gegnerischen Passgenauigkeit im ersten Spieldrittel ablesen und inwiefern das Pressing eines Teams progressive Pässe des Gegners unterbindet oder reduziert. Werte wie Tackles im letzten Drittel, abgefangene Bälle im letzten Drittel und Balleroberungen im letzten Drittel geben wiederum Aufschluss über die Pressinghöhe.
Das Hauptziel einer jeden Pressing-Mannschaft ist es, den Ball tief in der gegnerischen Hälfte zu erobern und anschließend schnell selbst zum Abschluss zu kommen. Die Metrik „High Turnovers“ erfasst jeden Ballgewinn/Ballbesitzwechsel innerhalb 40 Meter vor dem gegnerischen Gehäuse. Wie effektiv das Pressing letztlich war, kann anschließend daran gemessen werden, ob die Balleroberung zu einem Schuss, Torschuss oder gar Tor führte (Pressing-Output). Die Geschwindigkeit des Umschaltmoments wiederum kann anhand der anschließend folgenden progressiven Carries, vertikalen Pässe und den sogenannten direkten Angriffen (Angriffsdauer <10 Sekunden) eruiert werden. Wie beim ballbesitzorientierten Spielstil lässt sich die anschließende Chancenqualität der Abschlüsse besonders gut mithilfe verschiedenster xG-Werte ermitteln.
Mit das intensivste Pressing spielte zuletzt die österreichische Nationalmannschaft. Trainer Ralf Rangnick transformierte das ÖFB-Team zu einer wahren Pressingmaschine, die auf hohen Druck, schnelle Umschaltbewegungen und ein aggressives, direktes Spiel baut. Keine Mannschaft setzte seine Gegner in der europäischen WM-Qualifikation intensiver unter Druck als Rot-Weiß-Rot. Österreich verzeichnete die höchste Anzahl an Tacklings (144), wovon sie 57 Prozent gewannen (82), sowie den niedrigsten Passes-Per-Defensive-Action-Wert (7,14). Darüber hinaus kam man auf die zweitmeisten Ballgewinne (357) und die meisten Balleroberungen im letzten Spieldrittel (56) aller Teams. Wurde der Gegner erfolgreich hoch verteidigt und zu Ballverlusten gezwungen, benötigte der ÖFB-Angriff oft nur wenige (vertikale) Pässe, um eine Torchance zu kreieren (21 Großchancen insgesamt).

Der defensivorientierte Spielansatz
Eine stabile Defensive sollte unabhängig von der grundlegenden Spielphilosophie für jede Mannschaft von großer Bedeutung sein. Dennoch gibt es Teams, die besonders hohen Wert auf ihre Defensive und auf Kompaktheit, Spielkontrolle ohne Ball und Effizienz in der Offensive legen.
Neben den klassischen „Defensiv“-Werten wie Gegentore, Weiße Westen und Zweikampfquote, aber auch zugelassene (Tor-)Schüsse, Blocks, abgefangene Bälle und Klärungsaktionen im defensiven Drittel gibt der Expected-Goals-Against-Wert (xGA) Aufschluss über die defensive Stabilität eines Teams. Das Pendant zum xG-Wert misst die Qualität der Torchancen, die eine Mannschaft zulässt. Es gibt an, wie viele Gegentore ein Team basierend auf der Qualität der gegenerischen Abschlüsse theoretisch kassieren müsste. Ein niedriger xGA-Wert lässt auf eine gute Defensive schließen, die nur Chancen mit geringer Torwahrscheinlichkeit zulässt.
Eine Mannschaft mit hohem xGA-Wert lässt im Durchschnitt hochkarätigere Torchancen des Gegners zu. Liegt die Anzahl der tatsächlichen Gegentore unter dem xGA-Wert, macht die Defensive eines Teams in der Regel einen guten Job. Mit Werten wie xGA pro Schuss und xGA pro Großchance lässt sich die defensive Qualität noch detaillierter analysieren. Der PPDA-Wert und die Balleroberungen wiederum geben Aufschluss über den Pressingerfolg und die Spielkontrolle ohne Ball.
Damit sich ein defensivorientierter Spielansatz letztlich auch in Toren und Siegen niederschlägt, muss die Offensive aufgrund weniger Angriffsaktionen und geringeren Ballbesitzes besonders effizient agieren. Das Forcieren hoher Ballgewinne und ein schnelles, vertikales Spiel sind dabei ein besonders beliebtes Stilmittel, um einen kurzen Weg zum gegnerischen Tor und eine möglichst günstige Abschlussposition zu erzwingen. Auch ein effektives Umschaltspiel in Kontersituationen ist bei einer defensivorientierten Spielphilosphie nicht zu unterschätzen.
Um die Qualität dieser Aktionen zu messen, lohnt sich ein Blick auf die Anzahl der Konter pro 90 Minuten, die durchschnittlichen Schüsse und Tore pro Konter sowie der xG-Wert pro Konter. Abschließend sind erfolgreiche defensivfokussierte Teams oftmals bei Standardsituationen besonders gefährlich. Die Qualität dieser Aktionen lässt sich am einfachsten über die Metriken Schüsse und Tore bei Standards, xG bei Standards und die Conversion Rate von Standards erfassen.
Im Rahmen der Qualifikation zur WM 2026 beeindruckte wohl kaum ein Team defensiv so sehr wie Ecuador. Das Team von Sebastián Becaccece kassierte in 18 Spielen trotz starker Gegner wie Weltmeister Argentinien, Brasilien oder Kolumbien insgesamt nur fünf Gegentore. Wenngleich man bei einem xGA-Wert von 13,35 („nur“ drittbester Wert) defensiv durchaus überperformte, kontrollierte man viele Partien am eigenen Ende des Feldes mit einer straffen Organisation, einem kollektiven Pressing und einer starken physischen Präsenz.
Offensiv setzte man dagegen eher auf schnelle Konter und kam bei insgesamt neun dieser Situationen zu sechs Schüssen und effizienten drei Toren. Um bei der WM mit dieser Spielweise jedoch eines DER Überraschungsteam des Turniers zu werden, wird La Tri noch mehr in die Offensive investieren müssen (14 Tore, nur zwei Teams erzielten weniger Treffer).

Hybride Spielstile
Auch wenn die meisten Teams, die bei der WM 2026 an den Start gehen werden, eine präferierte Spielphilosophie mitbringen, sieht man gerade bei Weltmeisterschaften meist eine Mischung aus verschiedenen Spielstilen. Häufig sind diejenigen Teams erfolgreich, die gekonnt zwischen dominanten Ballbesitzphasen, einem effizienten Pressing und einem defensivfokussierten Ansatz variieren können.
Gerade in den K.o.-Spielen ist eine gewisse Anpassungsfähigkeit meist erfolgversprechender als das starre Festhalten am eigenen Spielansatz. In solchen Momenten können dann auch schon einmal physische Leistungsmerkmale wie die gelaufenen Kilometer pro Spiel, die Intensität der Läufe, Recovery Runs oder Balleroberungen in Transition den Unterschied ausmachen.
Abschließend lässt sich somit das Fazit ziehen, dass die klassischen Metriken Ballbesitz, Passquote und Co. keineswegs ausgedient haben, sie greifen jedoch oftmals zu kurz. Bei der anstehenden WM werden demnach insbesondere jene Metriken entscheidend sein, die messen, wie man den präferierten Spielstil wirkungsvoll und effizient (xG-Metriken) einsetzen kann.