PSG Spieler, schockiert

Der Angstgegner – bloß ein Hirngespinst?

In der Welt des Profisports würde niemand vor einem anstehenden Duell offen zugeben, Nervosität oder gar Furcht zu empfinden. Erst recht wird man nicht das Geständnis hören, dieser oder jene Gegenspieler würden Angstzustände hervorrufen. Da braucht man erst gar nicht anzutreten. Dennoch ist unsere Suche nach der perfekten Wette stets mit der Suche nach einem möglichen Angstgegner verbunden.

Genau genommen suchen wir nach Mustern, wo wir sie zu erkennen glauben. Am häufigsten treten diese Angstgegner in zwei markanten Situationen auf: Die Rivalität zwischen zwei scheinbar ebenbürtigen Kontrahenten, in welcher der eine zum schier unüberwindbaren Hindernis geworden ist. Oder als David gegen Goliath Vergleich, in dem ein Außenseiter dem Dominator die Grenzen aufzeigt.

Statistiken: Mehr als nur nackte Zahlen

Beim letztgenannten Szenario muss der Underdog nicht zwingend triumphieren, das können mitunter erzwungene Punkteteilungen sein. Denn Erfolgsvereine haben stets den Selbstanspruch zu gewinnen, und zwar möglichst souverän – die schwächeren Herausforderer auf ihre Plätze zu verweisen. Gelingt es David jedoch schon im Vorfeld, Goliath an seiner Souveränität zweifeln zu lassen, dann schafft er das aus zwei Gründen:

  1. Regelmäßigkeit: Im direkten Vergleich zwischen zwei Mannschaften muss eine Tendenz feststellbar sein. Wie klar sich diese äußert, wird an den historischen Errungenschaften gemessen. Je weniger Titel ein Club hat, umso schwerer fallen einzelne Triumphe des Underdogs ins Gewicht. Gelten beide Vereine als ähnlich erfolgreich, muss die Tendenz im direkten Head-to-Head Vergleich umso klarer zugunsten eines Kontrahenten ausfallen.
  2. Psychologie: Die stärkste Waffe der Angstgegner ist die mentale Auswirkung vergangener Resultate. Die Spieler wissen, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist und die eigene Unsicherheit stärker als der Gegner selbst. Überwinden sie ihre Unsicherheiten nicht, sind sie in jenem Stadium angekommen, den sie um jeden Preis vermeiden wollten: Negative Bilanz beeinflusst die Psyche und Psyche beeinflusst den Ausgang zukünftiger Duelle.
Jubelszene nach einem Tor gegen die Bayern
Seit Jahrzehnten nicht im Titelrennen gewesen, aber den Serienmeister ärgern – das kann Gladbach! (Foto: IMAGO/Kolbert Press/Marc Niemeyer)

Auf Augenhöhe und doch klein

In der Realität ist es so, dass Davids Sensationserfolge sich von Zeit zu Zeit wiederholen, aber Goliath allen Rückschlägen zu Trotz nie endgültig zu Boden fallen wird. Wohingegen bei scheinbar ebenbürtigen Rivalen eine ausgeglichene Bilanz erwartet wird. Ist das nicht der Fall, liest man oft von Revanche und offenen Rechnungen. Schafft die mehrfach unterlegene Mannschaft diese nicht zu begleichen, wird der Druck von Mal zu Mal größer.

Ein Trainer kann seine Truppe vor dem Match noch so gut einstellen – wenn vergangene Aufeinandertreffen von außerordentlichen Niederlagen, von Pech verfolgten Spielverläufen und insgesamt negativen Erfahrungen geprägt sind, dann kann diese Historie spätestens in der Hitze des Gefechts seine Fortsetzung finden. Eine Fehlentscheidung, ein Gegentreffer oder eine rote Karte können die Ereignisse komplett umschlagen lassen. Geht der Fokus verloren und die Emotionalität nimmt überhand, verfallen Spieler im Angesicht des Angstgegners in alte Muster und die Geschichte wiederholt sich.

Im historisch belasteten Kontext kann jeder Kontrahent zum Angstgegner werden. Pep Guardiolas Scheitern mit Manchester City in der Champions League war bis zum Sieg 2024 mehr Fluch als unerfüllte Erwartungshaltung. HSVs wiederholt knapp verpasster Aufstieg lastet schwer, selbst wenn die Kader komplett erneuert werden.

Der Begriff ist ein wiederkehrendes Phänomen. Genauso wie Rivalitäten entstehen und wieder in Vergessenheit geraten, kann ein Team diesen Status erlangen und wieder verlieren. Was bleibt, ist der irrationale Charakter daran, der die Angst zur selbst erfüllenden Prophezeiung macht. Schlimmstenfalls verfestigt sich ein Aberglaube, der den Ausgang der Partie schon vor Anpfiff besiegelt hat.

Real Madrid, Jubelszene nach einem Tor
Haben keine Lust auf eine Audienz bei den Königlichen – die Reds. (Foto: IMAGO/Cordon Press)

Wer fürchtet sich vor wem?

Bayern vs. Mönchengladbach: Das Paradebeispiel. Der Rekordmeister fürchtet sich eigentlich vor niemandem. Schließlich überstrahlen die Erfolge des “Stern des Südens” alles und jeden im Deutschen Fußball. Aber die Fohlen aus Gladbach sind speziell. Nicht nur nehmen sie den Bayern konstant Punkte ab, in regelmäßigen Abständen bezwingen sie den Liga-Dominator. Gegen keinen anderen Bundesligisten haben die Bayern eine schlechtere Siegquote. Unter 50 Prozent! (Stand Februar 2024)

Barca vs. Bayern: Gladbacher sind eben Mentalitätsmonster, wenn sie gegen die Münchner antreten und lassen sich selbst von Kantersiegen nicht verunsichern. Barcelona dagegen schon. Die Katalanen würden bei jeder Champions League Auslosung am liebsten einen großen Bogen um die Bayern machen. 2021 bis 2022 gab es vier Begegnungen, in denen Blaugrana torlos blieb und 11 Tore kassierte. Im Jahr zuvor wurden sie im Viertelfinale sogar 2:8 demontiert. Die Gesamtbilanz sieht nicht weniger düster aus.

Liverpool vs. Real Madrid: Die Reds, ein Club, der die besten Welt schlagen kann. Ein Club, in dem unerschütterlicher Glaube an sich selbst zur Identität gehört. Und ein Club, der seit 2009 (Stand Februar 2024) keine Partie mehr gegen die Königlichen gewonnen hat. Acht um genau zu sein. Ohne Real hätte Liverpool heute vermutlich zwei Champions League Titel mehr im Trophäenschrank.

Real Madrid vs. Barcelona (2008-2012): Nach fünf größtenteils erfolglosen Aufeinandertreffen erlangte Barca in den darauffolgenden vier Jahren die Oberhand über den ewigen Rivalen. Von insgesamt 14 Partien gewann Real Madrid ausgerechnet ein Finalspiel (Copa del Rey) und kann darüber hinaus bestenfalls vier Remis als Erfolg für sich verbuchen.

Um ein „Angstgegner“ zu sein, benötigt es dennoch keine denkwürdige Historie wie bei den oben angeführten Beispielen. So ziemlich jede Mannschaft wurde über einen kurzen oder längeren Zeitraum für jemand anderen zum Problemfall. BW Linz etwa besiegte gleich in seiner Aufstiegssaison 2023/24 RB Salzburg im eigenen Stadion und erzwang im Heimspiel eine Punkteteilung. Big Six Club Tottenham kann einfach keinen Titel holen, bringt aber Trophäen-Sammler Man City seit Jahren zur Verzweiflung.

Lasst euch also nicht von der Dominanz eines Clubs blenden. Manchmal sind die Sensationssiege gar nicht so unvorhersehbar und die Außenseiterquoten das Risiko wert!