Als Teamchef Ralf Rangnick den Kader der österreichischen Nationalmannschaft für die FIFA Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko vor wenigen Tagen bekanntgab, blieben die Überraschungen aus. Alle 26 nominierten Spieler gehörten bereits im März bei den Testspielen gegen Ghana und Südkorea dem ÖFB-Aufgebot an. Mit der Nominierung des WM-Kaders startete Österreich nun in die heiße Phase der Vorbereitung auf die erste WM-Teilnahme seit 1998. Bereits seit dem 27. Mai weilt der Rangnick-Tross im ÖFB-Campus in Seestadt bei Wien, um sich auf den letzten Test am Montag, den 1. Juni, im Ernst-Happel-Stadion vorzubereiten, bevor am 4. Juni die Abreise ins Base Camp nach Santa Barbara an der kalifornischen Pazifikküste erfolgt. Da das ursprünglich geplante Testmatch gegen Guatemala am 10. Juni in Pasadena von den Zentralamerikanern abgesagt wurde, stellt die Partie gegen Tunesien am Montag die WM-Generalprobe für Rot-Weiß-Rot dar.
Dritter Sieg gegen drittes WM-Team?
Nach der erfolgreichen WM-Qualifikation testete das ÖFB-Team im März diesen Jahres bereits zweimal gegen Kontrahenten, die ebenfalls beim Kontinentalturnier in Nordamerika dabei sein werden. Vor knapp 40.000 Zuschauern im Ernst-Happel-Stadion wurde zunächst Ghana mit 5:1 abgefertigt. Die Debütanten Carney Chukwuemeka und Paul Wanner hinterließen dabei einen starken Eindruck und stellten direkt unter Beweis, dass sie auch bei der kommenden Weltmeisterschaft einen wichtigen Beitrag leisten könnten. Vier Tage nach der Ghana-Gala besiegte man in Wien in einem deutlich umkämpfteren Spiel auch Südkorea um Stürmerstar Heung-Min Son mit 1:0. Marcel Sabitzer sorgte mit einer sehenswerten Direktabnahme nicht nur für den einzigen Treffer der Partie, sondern auch für das 13. Heimspiel in Serie ohne Niederlage – ein neuer Verbandsrekord! Überhaupt kassierte das ÖFB-Team seit Beginn der WM-Qualifikation im Juni 2025 in zehn Spielen nur eine einzige Niederlage: beim 0:1 in Rumänien (8 Siege, 1 Unentschieden).

Auch wenn man mit San Marino oder Zypern in diesem Zeitraum auch auf einige Fußballzwerge traf, konnte sich Trainer Rangnick in der Qualifikation zumeist auf eine potente Offensive verlassen – nur fünf Teams erzielten mehr Treffer als Österreich (22 in 8 Spielen, 18,69 xG). Hauptgrund für diesen offensiven Output war dabei das hohe und intensive Pressing, das der deutsche ÖFB-Coach spielen ließ. Mit 56 Ballgewinnen im letzten Spielfelddrittel verzeichnete Österreich die meisten in Europas WM-Qualifikation, sieben solcher Balleroberungen pro Spiel sind gar weltweiter Bestwert. Neun der ÖFB-Ballgewinne führten letztlich zu Abschlüssen, zwei davon direkt zu einem Treffer. Nur 7,14 gegnerische Pässe (Passes-Per-Defensive-Action) ließ das Rangnick-Team im Pressing zu, bis eine defensive Aktion erfolgte – ebenfalls Bestwert in Europa!
Darüber hinaus verzeichnete Rot-Weiß-Rot die höchste Anzahl an Tacklings (144), wovon sie 57 Prozent gewannen (82), sowie die zweitmeisten Ballgewinne (357) aller europäischen Teams. Wurde der Gegner erfolgreich hoch verteidigt und zu Ballverlusten gezwungen, benötigte der ÖFB-Angriff oft nur wenige (vertikale) Pässe, um eine Torchance zu kreieren (21 Großchancen insgesamt). Ein Rezept, das nach der WM-Qualifikation auch in den beiden Testspielen im März zum Erfolg führte. Gegen Ghana und Südkorea kam man zusammengenommen auf neun Balleroberungen im letzten Drittel und insgesamt 109 erfolgreiche Vorstöße sowie 229 Pässe injenem Spielfeldabschnitt. Das intensive Pressing sowie die starke Heimbilanz machen Österreich somit auch im Länderspiel gegen Tunesien, gegen das man auch vor der WM 1998 ein Testmatch absolvierte (2:1-Sieg) und letztmals im November 2007 spielte (0:0), zum Favoriten.

Tunesien mit offensiven Limitationen
Während das ÖFB-Team mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen nach Nordamerika reisen wird, waren die Erfolgserlebnisse bei Gegner Tunesien zuletzt eher Mangelware. Beim Afrika-Cup im Dezember und Januar konnten die Nordafrikaner lediglich das Auftaktspiel gegen Uganda (3:1), das die Gruppenphase mit einem Zähler als Tabellenletzter abschloss, gewinnen, ehe eine 2:3-Niederlage gegen Nigeria und ein Remis gegen Tansania (1:1) folgten. Bereits im Achtelfinale scheiterten die Adler von Karthago dann mit 2:3 im Elfmeterschießen an Mali. Obwohl man ab der 26. Spielminute in Überzahl agierte, konnte das Team von Trainer Sami Trabelsi kaum Torgefahr erzeugen (1,11 xG in 120 Minuten; Mali: 1,15 xG) und kam erst in der 80. Minute per Freistoß überhaupt auf seinen ersten Torschuss.
Nach dem Afrika-Cup musste Trabelsi folgerichtig seine Koffer packen und wurde durch Sabri Lamouchi ersetzt. Auch unter dem Franzosen fehlt Tunesien aber weiterhin die offensive Durchschlagskraft. Bei den beiden Testspielen im Frühjahr kreierte Tunesien beim 1:0-Sieg in Toronto gegen WM-Teilnehmer, aber Fußballzwerg Haiti „immerhin“ 1,72 xG und zwei Großchancen, im folgenden Länderspiel gegen Kanada (0:0) blieb manmit 0,29 xG und gerade einmal vier Schüssen und sieben Touches in der gegnerischen Box völlig harmlos.
Sowohl im Testspiel gegen Österreich als auch bei der WM in den Gruppenspielen gegen Schweden, Japan und die Niederlande werden die Nordafrikaner somit wohl auf eine kompakte Defensive und körperliche Intensität setzen, in der Hoffnung, im Umschaltspiel gefährlich zu werden. Lamouchi betreute übrigens zuletzt 2014 ein Team bei einer Weltmeisterschaft. Mit der Elfenbeinküste scheiterte der ehemalige französische Nationalspieler aber bereits in der Gruppenphase.