Mit dem Wolfsberger AC verpasste Dietmar Kühbauer in der zurückliegenden Saison erst am letzten Spieltag die österreichische Meisterschaft, nun nimmt der „Trainer des Jahres 2025“ nach seinem überraschenden Wechsel mit dem Linzer ASK einen neuen Anlauf. Die ersten sechs Ligaspiele mit seinem neuen Verein gewann der gebürtige Wiener allesamt, vom vorletzten Platz hat der 54-Jährige die Oberösterreicher bis auf einen Punkt an Tabellenführer FC Red Bull Salzburg herangeführt. Doch ist der LASK wirklich reif für den Meistercoup in der ADMIRAL Bundesliga? Oder droht nach dem Höhenflug die Bruchlandung?
Vom Admira-Aufstieg zum „Beinahe-Double“: Kühbauers Trainerweg
Es wäre wohl eine der größten Überraschungen im Weltfußball der letzten Jahre gewesen. Mindestens aber in Österreich: Am 1. Mai 2025 feierte der Wolfsberger AC bei seinem ersten ÖFB-Cup-Finaleinzug direkt den ersten Pokalsieg, mit 1:0 wurde der TSV Hartberg im Endspiel bezwungen. Rund drei Wochen später, am 24. Mai, träumten die Wolfsberger dann sogar vom ersten Doublesieg der Club-Historie, am letzten Spieltag der Saison 2024/25 hätte der WAC mit einem Auswärtssieg in Graz die Meisterschaft nach Kärnten geholt. Doch am Ende reichte es nur zu einem 1:1-Remis, Sturm verteidigte seinen Titel, Wolfsberg beendete die Spielzeit auf Rang 4. Dietmar Kühbauer hatte die ganz große Sensation verpasst – es fehlte nur ein Tor.
Ausgebildet beim TSV Mattersburg und als Spieler vor allem bei Rapid Wien erfolgreich (Cupsieger 1995, Meister 1996) begann die Profi-Trainerlaufbahn von „Didi“ Kühbauer im April 2010 bei Admira Wacker. In seiner ersten Saison als Admira-Cheftrainer gelang ihm auf Anhieb die Meisterschaft in der zweitklassigen „Erste Liga“ und damit der Aufstieg in die Bundesliga. Auch dort stellte sich der Erfolg des 55-maligen ÖFB-Nationalspielers schnell ein, die Spielzeit 2011/12 beendete Admira Wacker auf Platz 3 und feierte damit die erste Europa-Cup-Teilnahme nach 18 Jahren, wo man allerdings in der dritten Qualifikationsrunde der Europa League gegen Sparta Prag ausschied (0:2, 2:2). Nachdem im Sommer 2012 mit Marcel Sabitzer und Philipp Hosiner zwei Leistungsträger den Verein verlassen hatten, schaffte Admira Wacker in der Saison 2012/13 erst am letzten Spieltag durch einen 1:0-Auswärtssieg bei Kühbauers Heimatklub SV Mattersburg den Klassenerhalt. Die sportliche Ausrichtung des Vereins war mit den Zielen des heute 54-Jährigen nicht mehr vereinbar, weshalb der Vertrag im Sommer einvernehmlich aufgelöst wurde.

Auf die Zeit bei Admira Wacker folgte Kühbauers erste Station in Wolfsberg, die unter dem Strich aber drei titellose, unspektakuläre Jahre brachte. Nach sechs Monaten beim SKN St. Pölten kehrte der gebürtige Wiener zu Rapid zurück, die er bis zur Trennung im November 2021 zu zwei Vizemeisterschaften hinter dem FC Red Bull Salzburg führte. Ein weiteres halbes Jahr verging und Kühbauer schrieb sein erstes Kapitel mit dem Linzer ASK. Den LASK führte er in der Saison 2022/23 direkt auf einen starken 3. Platz und damit zurück auf die europäische Bühne – dennoch folgte nach Saisonende die Trennung aufgrund von unterschiedlichen Auffassungen über die Kaderplanung und die langfristige Ausrichtung des Klubs. So war nach einem Jahr Pause im Sommer 2024 der Weg frei für seine Trainer-Rückkehr nach Wolfsberg, die dem WAC beinahe das Double gebracht hätte und Kühbauer den Titel „Trainer des Jahres 2025“ bescherte.
Rückkehr nach Linz
Umso überraschender kam im Oktober dieses Jahres der Wechsel zurück nach Linz, wo der ehemalige Mittelfeldspieler offenbar noch nicht mit dem LASK abgeschlossen hatte. Bemerkenswert: Während Kühbauers Wolfsberger zum Zeitpunkt seines Wechsels nur einen Punkt hinter Tabellenführer Sturm voll im Meisterschaftsrennen lagen, war der LASK zur neuen Saison im Tabellenkeller versunken und stand mit lediglich sieben Zählern nach neun Spieltagen auf dem vorletzten Platz.
Doch Kühbauer hat sein Erfolgsrezept aus der Saison 2022/23 offenbar aufbewahrt – oder sein Erfolgsrezept aus Wolfsberg mitgebracht – und einen regelrechten Traumstart hingelegt. Die ersten sechs Ligaspiele sowie das Cup-Achtelfinale gewannen die Oberösterreicher allesamt. Nur zwei Monate nach Kühbauers Übernahme liegt der LASK plötzlich nur noch einen Punkt hinter Tabellenführer RB Salzburg – während der WAC parallel nur ein Spiel gewinnen konnte (4 Niederlagen!) und auf Platz 7 abrutschte.

Doch was macht Kühbauers Teams so stark? An welchen Stellschrauben hat der 54-Jährige gedreht, um binnen kürzester Zeit aus einem Kellerkind einen Titelanwärter zu machen? Oder überperformt der LASK aktuell lediglich und muss mit einem Leistungseinsturz rechnen, sobald der Höhenflug endet?
Defense wins Championships: Wie aus einem Kellerkind ein Meisterschaftskandidat wurde
Am signifikantesten und offensichtlichsten ist die defensive Stabilität der Linzer. Kassierte der LASK noch 17 Gegentore in den ersten neun Ligaspielen, so ließen die Oberösterreicher nach Kühbauers Übernahme nur noch ein Gegentor in sechs Partien der ADMIRAL Bundesliga zu – beim 3:1-Auswärtssieg bei Meister Sturm Graz. Der Expected-Goals-Against-Wert pro Spiel von 1,98 wurde beinahe halbiert (1,05), im Zeitraum ab dem 10. Spieltag weist Linz den zweitniedrigsten xGA-Wert (6,29) der Liga auf und liegt auch bei zugelassenen gegnerischen Schüssen auf das Tor (20, Platz 3; 80 Schüsse insgesamt zugelassen) und Fehlern, die direkt zu gegnerischen Torschüssen führten (2, Platz 2) im Ligavergleich weit vorne – und das, nachdem man an den ersten neun Spieltagen noch den höchsten xGA-Wert (17,8) aufwies und die viertmeisten gegnerischen Torschüsse (40) zugelassen hatte. Satte elf Fehler, die einem Torschuss des Gegners vorausgingen (Liga-Höchstwert), führte Datenlieferant Opta zu dem Zeitpunkt bereits auf. Kühbauer und der Wolfsberger AC gehörten da noch zur Ligaspitze.
Schon in der vergangenen Saison zählte Kühbauers Defensive zu den besten der Liga. Der WAC kassierte die drittwenigsten Gegentore (38), hatte die viertbeste Overperformance (+3,72) seines xGA-Werts (41,72) und die zweitwenigsten gegnerischen Torschüsse zugelassen (340) sowie die zweitwenigsten Fehler, die zu einem gegnerischen Torschuss führten (6 in 32 Spielen). Ähnliche Ergebnisse bekommt man, wenn man auf die Zahlen des LASK im Ligavergleich in der Saison 2022/23 blickt, als das Kühbauer-Team ebenfalls die drittbeste Abwehr der Bundesliga stellte und dabei deutlich unter der zu erwartenden Anzahl an Gegentreffern blieb (38 Gegentore bei einem xGA-Wert von 43,48).

Kühbauers Devise ist also klar: Defensive Stabilität steht an erster Stelle, der 54-Jährige schwört seine Teams gemäß der amerikanischen Sportweisheit „Defense wins championships“ ein. Im ersten Schritt müsse man „über die Basics gehen, eine stabile Abwehr haben und den Fußbal nicht verkomplizieren“, hatte der 54-Jährige seinen Ansatz nach dem Wechsel zurück zum LASK erklärt. Seitdem reduzierten sich die zugelassenen gegnerischen Torschüsse pro 90 Minuten beim LASK von 4,44 auf 3,33. Darunter kann zuweilen auch die spielerische Attraktivität und die Kontrolle über das Spiels leiden. Lag der LASK bis zum 9. Spieltag beim Ballbesitz (56,48 Prozent), den gespielten Pässen (4103) und der Passgenauigkeit (84,74 Prozent) noch jeweils auf Platz 2 der Liga, so sind diese Werte unter Kühbauer gewaltig gesunken. Die Linzer geben sich unter dem 54-Jährigen mit nur 40,67 Prozent Ballbesitz (Rang 10) zufrieden, spielten nur 1979 Pässe (11) und brachten nur 75,29 Prozent ihrer Bälle zum Mitspieler (7). Die Pässe pro Spiel ins letzte Drittel sind von 55,11 auf 48,17 gesunken.
Mehr Präzision im Angriff und bessere Chancenverwertung
Die Taktik erscheint dementsprechend klar: Hinten sicher stehen und dann schnell und geradlinieg nach vorne spielen. Der Ballbesitz hat sich drastisch reduziert, doch dafür wurden fünf der sechs Ligaspiele ohne Gegentor absolviert – das gelang zuvor nur einmal in neun Ligaspielen. Die Fehler, die zu Torschüssen des Gegners führten, wurden von 1,22 pro Spiel auf 0,33 deutlich nach unten korrigiert. Unter Kühbauer scheint es weniger wichtig zu sein, den Ball selbst zu besitzen als vielmehr, Lösungen ohne Ball zu finden und nach Ballgewinn dann schnell die sich bietenden Räume zu nutzen.
Mit dieser Herangehensweise hat sich die Anzahl der Tore pro Spiel beinahe verdoppelt (1,0 auf 1,83), wobei der xG-Wert pro 90 Minuten nur leicht gestiegen ist (1,37 auf 1,68). Ein weiterer Grund für den Höhenflug des LASK sind die signifikant verbesserte Schussgenauigkeit (38,3 auf 49,2 Prozent) und Chancenverwertungsquote (7,8 auf 13,4 Prozent). Zur defensiven Leidenschaft der Mannschaft gesellt sich so eine offensive Effizienz, maßgeblich daraus resultierend, dass das Team durch seine überfallartigen Angriffe gegen höher stehende Gegner in bessere Schusspositionen kommt. So stieg unter Kühbauer die Anzahl der kreierten Großchancen pro Spiel von 1,78 auf 2,33. Aus 3,44 Schüssen auf das gegnerische Tor pro 90 Minuten wurden 5,0.

Auch hier scheint ein genauer Plan von Kühbauer hinter dem Erfolg zu stecken. Denn schon mit Wolfsberg wusste er in der vergangenen Saison in diesen Kategorien zu überzeugen: Die WAC-Torschussgenauigkeit (49,7 Prozent) markierte den Spitzenwert der ADMIRAL Bundesliga, die Chancenverwertungsquote (14,49 Prozent) wurde lediglich von Sturm (14,51) im kaum messbaren Bereich übertroffen.
Temporäre Überperformance oder echte Titel-Chance?
Dass der Linzer ASK aktuell in der Offensive (11 Tore aus 10,1 xG) und ganz besonders in der Defensive (1 Gegentor bei 6,3 xGA) überperformt, scheint dabei kein Problem zu sein. Kühbauer hat sowohl 2022/23 mit dem LASK als auch 2024/25 mit dem Wolfsberger AC bewiesen, dass diese Überperformance seiner Teams nicht temporär ist, sondern über eine ganze Saison anhalten kann und absolutes Titel-Potential hat. Ein gravierender Einbruch ist in diesen Bereichen daher nicht zu erwarten, Kühbauer versteht es wie kaum ein zweiter Coach, aus diesem Momentum eine permanente Qualität zu machen.
Auch vor dem kommenden Winter-Transferfenster müssen sich LASK-Fans wohl nicht fürchten. In Linz gilt die platte Attitüde: Die Mannschaft ist der Star. Zwar sind Spieler wie Innenverteidiger Andrés Andrade, der dänische Neuzugang Kasper Jörgensen oder auch das Sturmduo Moses Usor (4 Tore, 3 Vorlagen) und Samuel Adeniran (3, 3) wichtige Stützen in Kühbauers Spiel, doch allgemein verteilt sich der Erfolg des Teams eher auf eine geschlossene Mannschaftsleistung, die einem klaren Plan des Trainers folgt. Und solange Kühbauers Erfolgsrezept wirkt – und die Konkurrenz um Sturm und RB Salzburg regelmäßig auslässt – ist der LASK ein echter Titelanwärter, sowohl in der Meisterschaft als auch im Cup. Vielleicht krönt sich Kühbauer sogar zum Doublesieger – ohne „beinahe“. Auch wenn der Opta Supercomputer die Titelchancen aktuell bei RB Salzburg (36.41 Prozent) und Sturm Graz (35.47 Prozent) noch höher einschätzt als beim LASK (11.24 Prozent).