Liverpool Verteidiger Konate und Van Dijk versuchen den Schuss eines Spurs-Spielers abzublocken.

Liverpool in der Krise: Geht es jetzt wieder bergauf oder nicht?

Die Hoffnungen an der Anfield Road waren gigantisch: Nach der unerwarteten Meisterschaft im ersten Jahr unter Arne Slot wurden im Sommer irrwitzige Transfersummen für neue Stars bezahlt – die Reds wollten eine neue Ära prägen. Doch das erste halbe Jahr der neuen Saison ging gewaltig nach hinten los. Die Neuzugänge zünden nicht, Führungsspieler durchlaufen unerklärliche Formtiefs und nach der jüngsten Ergebniskrise entbrannte ein handfester Skandal um Superstar Mo Salah, der Trainer und Verein öffentlich attackierte. Bekommt Slot das Feuer nun endgültig gelöscht, oder gießen die Spurs neues Öl in die Flammen?

Auf die Überraschungsmeisterschaft folgt ein historischer Tiefpunkt

Eigentlich war die letzte Saison, das Jahr eins nach Jürgen Klopp, nur als Übergangssaison eingeplant. Doch die Dinge an der Anfield Road entwickelten sich wesentlich schneller als gedacht: Liverpool wurde souveräner englischer Meister! Doch genauso schnell ging es auch wieder in die andere Richtung, die neue Saison entwickelte sich zum krassen Gegenteil des Vorjahres. Slot bekam teure neue Stars für eine knappe halbe Milliarde, diese aber bisher nicht in seine Spielidee integriert, dazu kamen die mentale Belastung nach Diogo Jotas tragischen Unfalltod und unerklärliche Formtiefs vormals zuverlässiger Leistungsträger. Und plötzlich schlitterte Liverpool in eine rätselhafte Krise.

Mit 26 Punkten nach 16 Spielen liegt der Titelverteidiger in der Liga aktuell nur auf Rang 7. Das Torverhältnis von 26:24 Toren offenbart, wo das Problem liegt: Die Reds kassieren beinahe genauso viele Gegentreffer wie sie selbst erzielen. Im Vorjahr stellte Liverpool zum Vergleichszeitpunkt noch die zweitbeste Defensive der Premier League (16 Gegentore, Arsenal 15) und den besten Angriff (37 Tore, wie Chelsea). Mit 39 Punkten führte das Team von Slot die Tabelle damals an. Ein Jahr später hat man nun bereits zehn Zähler Rückstand auf Spitzenreiter Arsenal. Den vorübergehenden Tiefpunkt der Saison stellte das 0:3 am 12. Spieltag im eigenen Stadion gegen Nottingham Forest dar, auf das nur wenige Tage später ein 1:4 in der Champions League gegen PSV Eindhoven folgte – ebenfalls im eigenen Stadion. Weil man zuvor bereits 0:3 bei Manchester City verlor, standen drei Niederlagen mit mindestens drei Gegentoren in Serie zu Buche – das gab es zuletzt im September 1992!

Liverpool-Vergleich zwischen der aktuellen und der Vorsaison. In dieser Saison nur 7. und nicht 1. nach 16 Spielen.
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Stotter-Angrifff, Fehler-Abwehrkette und Salahs Machtkampf: Die Brandherde

Zwischenzeitlich kassierte Liverpool neun Niederlagen in zwölf Spielen, der Stuhl von Trainer Slot wackelte bedenklich. Und als sich der Niederländer nach drei ungeschlagenen Partien in Serie (1 Sieg, 2 Unentschieden) gerade wieder zurücklehnen wollte, da packte Mo Salah die Kreissäge aus und setzte zum Rundumschlag an. „Unter den Bus geworfen“ und „als Sündenbock auserkoren“ fühle sich der Ägypter, nachdem er in den drei besagten Spielen jeweils auf der Bank Platz nehmen musste, zu Slot gäbe es „keine Beziehung mehr“.

Dabei war die Degradierung sportlich nachvollziehbar. Nicht nur musste Slot sein System ohnehin darauf vorbereiten, ohne den nun beim Afrika Cup weilenden Salah zu funktionieren – auch war der Ägypter Teil des Problems. Erst im April erzählte Salah von einem Gespräch mit Slot, in dem er seinem Trainer garantierte: „Solange du mich nicht zu defensiver Arbeit zwingst, werde ich offensiv abliefern“. Doch während er die Top-Form der Meistersaison (29 Tore und 18 Assists in 38 Einsätzen in der Premier League) nun bei weitem nicht mehr abliefert (14 Einsätze, 4 Tore, 3 Assists), weigert er sich weiterhin, dem Team bei der Arbeit gegen den Ball zu helfen. Ex-Liverpool-Spieler Dietmar Hamann nannte Salahs einer Arbeitsverweigerung gleichenden Defensiveinsatz beim zweiten Gegentor gegen die PSV gar „beschämend“. Slot zog die Konsequenz und strich seinen Superstar aus der Mannschaftsaufstellung, um ihn mit dem defensiv wesentlich einsatzbereiteren Dominik Szoboszlai zu ersetzen.

Salahs Eitelkeit ist nicht Slots einziges Problem. Die sündhaft teuren Neuzugänge greifen im System des Niederländers noch nicht, allen voran die Rekord-Neuzugänge Alexander Isak (teuerster Spieler Englands) und Florian Wirtz (teuerster Bundesliga-Verkauf) wirken bislang noch nicht integriert ins Spiel des Titelverteidigers. Einzig Hugo Ekitike scheint bereits voll angekommen, der Franzose weist sieben Saisontore in der Liga auf und führte die Reds zuletzt mit einem Doppelpack gegen Brighton zum Heimsieg (2:0).

Nicht viel besser läuft es für die etablierten Stars, speziell die Defensive zeigt sich ungewohnt fehleranfällig. Allen voran Ibrahim Konate wirkt völlig neben der Spur, aber auch Kapitän Virgil van Dijk befindet sich in der wohl schwächsten Form seit er das LFC-Trikot trägt. Dazu fehlt der Mannschaft ein echter, defensivstarker Sechser, wodurch sich dem Gegner in Liverpools Spielfelddrittel oft zu viele Räume bieten.

Gelingt Slot der Turnaround?

Zuletzt scheint Slot an den richtigen Schrauben gedreht zu haben, auch wenn Salah das nicht wahrhaben will. Mittlerweile baut Liverpool auf eine Serie von fünf Pflichtspielen ohne Niederlage (3 Siege, 2 Unentschieden), gegen Inter Mailand (1:0) und Brighton blieben die Reds zweimal in Folge ohne Gegentor.

Die Hoffnung der Anhänger ist nun, dass die Mannschaft wieder mehr Konstanz in ihre Leistungen bringt. Immerhin hat Liverpool seine Gegner in der Liga in 75 Prozent der Spiele übertroffen, wenn es nach Expected Goals geht. Einzig Manchester City (93,75 Prozent) gelang dies noch häufiger. Doch von erwarteten zwölf Siegen (gemessen an den xG-Werten) holten die Reds lediglich acht. Stattdessen weisen nur die Teams auf den Plätzen 14 bis 20 mehr Niederlagen auf als das Team von Slot (6).

Ein weiteres Problem, das es abzustellen gilt: Liverpool gerät zu oft in Rückstand, rund 30 Prozent der Premier-League-Spielzeit lagen die Reds zurück. Eine physische und vor allem mentale Zusatzbelastung, wie auch Slot anmerkt: „Die Expected Goals erzählen nicht immer die ganze Wahrheit. Viel wichtiger ist, wann man seine Chancen hat, in welcher Spielsituation.“ Liverpool zeigte sich in dieser Saison in Rückstand liegend defensiv fehleranfällig, was sich auch in Zahlen widerspiegelt: Statt der erwarteten 19,62 xGA kassierte der Titelverteidiger bereits 24 Gegentore, eine Unterperformance von 4,38. Nur vier Teams unterperformen noch deutlicher.

Torreichstes Duell der Premier-League-Geschichte

Die letzte Aufgabe vor Weihnachten führt den LFC am Samstag (18:30 Uhr) ins Tottenham Hotspur Stadium. Ein Gegner, der den Reds traditionell liegt: Nur zwei der vergangenen 25 Premier-League-Spiele gegen die Spurs hat Liverpool verloren (17 Siege, 6 Unentschieden), in der Vorsaison gewann das Slot-Team zwei wahre Spektakel: 5:1 in Anfield, 6:3 in London.

206 Tore. Von allen Duellen ist dieses das torreichste in der höchsten englischen Klasse.
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Überhaupt ist kein Duell in der Premier-League-Historie torreicher als Liverpool gegen Tottenham (206 Tore)! In 14 der letzten 16 Aufeinandertreffen fielen mindestens drei Tore, in den jüngsten drei Duellen sogar satte 21 Treffer. Ein Sieg gegen den Tabellenelften würde Slots Trainerstuhl weiter stabilisieren. Und ein verärgerter Starspieler mit Kreissäge ist dieses Mal auch nicht in Sichtweite.