Der Fußball hat sich im letzten Jahrzehnt rasant verändert und ist immer schneller und intensiver geworden. Damit einhergehend: mehr Tore. Eine Entwicklung, bei der vor allem der neutrale Zuschauer regelmäßig auf seine Kosten kommt, während Fans mit schwachen Nerven dagegen schneller an ihre Grenzen stoßen. Auch bei der FIFA Weltmeisterschaft 2026 dürfte sich dieser Trend fortsetzen, ein neuer Torrekord ist schon allein aufgrund der gestiegenen Anzahl an Spielen garantiert. Vor vier Jahren in Katar wurden 172 Treffer bejubelt, knüpft das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko an den Toreschnitt von 2,69 Treffer pro Partie an, könnten die Fans im Sommer etwa 280 (!) Tore zu sehen bekommen. Doch wie kommen die Teams heuzutage überhaupt zu ihren Treffern, warum fallen aktuell mehr denn je, welche Muster lassen sich erkennen und welche Kniffe sorgen dafür, dass in den Stadien immer mehr Tore bejubelt werden?
Ein neues Zeitalter hat begonnen: Tore satt
Es war wohl das Highlight der Saison 2025/26, nicht wenige sprachen schon vorher vom vorweggenommenen Finale: Das Champions-League Halbfinale zwischen Paris St.-Germain und Bayern München. Die beiden offensivstärksten Teams, für viele sogar die beiden aktuell besten Mannschaften der Welt. Und das Hinspiel im Parc des Princes hielt nicht nur alle Versprechen, es übertraf sie! Am Ende von atemlosen 90 Minuten stand ein 5:4 für PSG, das torreichste Königsklassen-Halbfinalspiel aller Zeiten.

Auch wenn das Rückspiel (1:1) nicht mehr an den Torreigen anschließen konnte: Es war der Höhepunkt einer Entwicklung, die besonders in den letzten beiden Jahren spürbar war. Schon im Finale der Vorsaison sorgten die Franzosen für ein Schützenfest, jagten Inter Mailand mit 5:0 aus der Münchner Allianz Arena – nie zuvor feierte eine Mannschaft in einem CL-Endspiel einen höheren Sieg. Unvergessen bleibt auch das Halbfinale der Italiener, die sich einen epischen Schlagabtausch mit dem FC Barcelona lieferten. Hin- und Rückspiel endeten jeweils mit einem 3:3-Remis, in der Verlängerung zogen die Mailänder mit 4:3 ins Finale ein. In diesem Jahr war das Achtelfinale besonders torreich: 68 Treffer fielen in 16 Spielen (4,25 pro Spiel), insbesondere Tottenham gegen Atletico Madrid (5:7) sowie Bayern gegen Atalanta Bergamo (10:2) berauschte die Zuschauer mit je zwölf Treffern. Tore, Tore und noch mehr Tore.
Der FC Bayern schoss davon sogar 122 in der Bundesliga-Saison – Rekord! Zum Vergleich: Bei nur zwei Spielen weniger erzielten die beiden erfolgreichsten Teams der ADMIRAL Bundesliga, Meister LASK und RB Salzburg (je 56), zusammen nur 112 Treffer. Auch der FC Barcelona streckte sich in den letzten beiden Jahren an die 100-Tore-Marke (102 Tore in 2024/25, aktuell 94 Tore nach 37 Spielen). Zum Saisonabschluss geht es für die Blaugrana nach Valencia, gegen die Fledermäuse knipste der spanische Meister in den jüngsten drei Duellen insgesamt 18 Mal. In der Champions League ist PSG das Maß aller Dinge, kommt in den vergangenen beiden Spielzeiten auf 82 Tore in 33 Spielen. In allen Wettbewerben der Top-5-Ligen Europas sind in den letzten drei Jahren im Schnitt 9.340 Tore gefallen und damit deutlich mehr als zuvor (vorheriger Höchstwert: 9.004 Tore in 2021/22).
Hohes Pressing und vertikaler Highspeed-Fußball
Luis Enrique (PSG), Vincent Kompany (Bayern) und Hansi Flick (Barcelona) stehen dabei sinnbildlich als erfolgreichste Beispiele für den wohl besten, in jedem Fall aber attraktivsten Fußball der Moderne. Mit einem extrem intensiven und unheimlichen hohen Gegenpressing werden frühe Ballgewinne erzwungen, anschließend wird sofort vertikal der gegnerische Strafraum in Angriff genommen. Kein Team hatte diese Saison mehr Ballgewinne im offensiven Drittel als Bayern (338) und PSG (337), in der laufenden CL-Spielzeit kreierten die Münchner (37 Abschlüsse, 6 Tore), Paris (31, 7) und der FC Barcelona (30, 4) daraus mehr Schüsse und Treffer als jede andere Mannschaft im Wettbewerb. Hat der Gegner den Ball, ließen PSG (9,1), Barca (9,3) und Bayern (10,6) von allen K.o-Runden-Teams die wenigsten Pässe zu, ehe eine defensive Aktion (PPDA) erfolgte (Liverpool 10,3).
Kann dieser intensive Highspeed-Fußball auch im Sommer bei der Weltmeisterschaft zu Rekorden und letztlich zum Titel führen? Vielleicht in Ansätzen, vermutlich aber eher nicht in der Extreme, wie es beispielsweise PSG praktiziert, das sogar absichtlich den Ball beim Anstoß tief in der gegnerischen Hälfte ins Seitenaus schlägt, um sofort ins hohe Pressing gehen zu können. Die Nationalmannschaften haben gegenüber dem Vereinsfußball zwei entscheidende Nachteile: Sie können ihre Teams nicht durch Transfers mit den erforderlichen Spielern verstärken und sie haben nicht ausreichend Zeit, um die notwendigen Strukturen und Abstimmungen einzustudieren, die dieser intensive und vor allem riskante Spielstil erfordert. Denn nur, wenn alle Rädchen einer Mannschaft bedingungslos ineinander greifen, jeder Spieler zu jeder Zeit weiß, was zu tun ist und wie die Mitspieler sich verhalten, kann dieser Ansatz zu Erfolg führen. Macht nur ein Spieler nicht mit, entstehen große Lücken, jeder Fehler kann aufgrund der hohen Positionierung sofort bestraft werden. Luis Enrique und Hansi Flick haben das bereits am eigenen Leib erfahren, mussten beide doch bei der WM 2022 mit Spanien (Achtelfinale) bzw. Deutschland (Gruppe) frühzeitig die Segel streichen.
Zu den Nationen, die in den letzten beiden Jahren einen Weg gefunden haben, mit intensivem Pressing erfolgreich zu sein, gehört neben England (meiste Ballgewinne bis 40 Meter vor dem Tor in der WM-Quali; 108), Belgien (meiste Abschlüsse nach hohen Ballgewinnen; 20) und Europameister Spanien auch Österreich. Mit 56 Ballgewinnen im letzten Spielfelddrittel verzeichnete das Team von Trainer Ralf Rangnick (8 Spiele) die meisten in Europas WM-Qualifikation, genau wie die Iberer (42 in 6) kam die Nationalelf dabei auf sieben solche Balleroberungen pro Spiel. Kein Team weltweit verzeichnete mehr, Japan kam in der asiatischen Qualifikation auf 5,9 solche Ballgewinne pro Partie (89 in 15). Neun dieser ÖFB-Ballgewinne führten zu Abschlüssen, zwei davon direkt zu einem Treffer. Nur 7,14 gegnerische Pässe ließ Österreich im Pressing zu, bis eine defensive Aktion erfolgte – Bestwert in Europa! Bei der EM 2024 war Spanien mit diesem Mittel bereits erfolgreich: Mit 76 Ballgewinnen in der Zone bis 40 Meter vor dem gegnerischen Tor hatten sie mit Abstand die meisten des Turniers, 15 davon führten zu Torchancen (2 Tore) – ebenfalls die meisten.

Spiegeleffekt: Riskanter Offensivfußball führt zu mehr (Gegen-)Toren nach Kontern
Der Erfolg des Highspeed-Fußballs in der Spitze sorgt in der Breite aber auch dafür, dass ein gegenteiliger Effekt dokumentierbar ist. Immer mehr Teams versuchen, mit hohem Pressing zum Erfolg zu kommen, doch nicht alle haben die nötige Qualität, um die Fehlerquote gering zu halten. Die Konsequenz: (Gegen-)Tore nach schnellen Kontern! Seit jeher ist es vor allem für Underdogs eine der effektivsten und etabliertesten Taktiken, den Bus vor dem eigenen Tor zu parken und auf Fehler der scheinbar übermächtigen Kontrahenten zu lauern, um dann mit schnellen, direkten Gegenstößen eiskalt zuzuschlagen. Gegen das hohe Pressing vieler Teams sind Konter heute ein noch effektiveres Gegenmittel. In den letzten sechs Jahren ist die Anzahl an Chancen und Toren nach schnellen Kontern rapide angestiegen: 2020/21 führten Konter in allen Wettbewerben der Top-5-Ligen Europas noch zu 1.989 Schüssen und 409 Toren, sechs Jahre später hat sich der Wert auf 812 verdoppelt (5.585 Schüsse).
Ein Team, das in der europäischen WM-Qualifikation mit seiner explosiven Mischung besonders herausstach, ist Norwegen. Auf der einen Seite kassierten die Skandinavier nur fünf Gegentore in acht Quali-Spielen und verzeichneten dabei einen Expected-Goals-Against-Wert von 4,24 – nur fünf Teams in Europa waren besser. Auf der anderen Seite erzielten Erling Haaland und Co. bärenstarke sieben Treffer nach Kontern, mit weitem Abstand die meisten. Dabei pressten die Norweger keineswegs auf schnelle Ballgewinne, sondern ließen durchschnittlich 14,3 Pässe zu, bevor eine Abwehraktion erfolgte – der zweithöchste PPDA-Wert aller europäischen WM-Teilnehmer (Schottland 15,9).

In Südamerika erzielte Kolumbien ebenfalls sieben Tore nach Kontern, mit 19 Schüssen nach schnellen Gegenstößen hatten Los Cafeteros die meisten aller Teams – mit 18 Gegentoren allerdings auch eine der schwächeren Defensiven. Mit nur fünf Gegentreffern glänzte dafür Ecuadors Abwehrreihe, La Tri setzt wie kaum eine andere Mannschaft auf die bewährte Underdog-Taktik: Mit nur 43 Ballgewinnen im letzten Drittel hatte Ecuador die wenigsten in Südamerika, dafür sind die drei Treffer nach Kontern der zweitbeste Wert der CONMEBOL WM-Quali – zeichnet sich hier ein Überraschungskandidat ab? Sieben der acht Weltmeisterschaften in Nordamerika wurden von südamerikanischen Teams gewonnen, zuletzt holte Brasilien 1994 in den USA den Titel, 1986 in Mexiko krönte sich Argentinien zum Weltmeister.
Die Renaissance des ruhenden Balls
Vielleicht erleben wir 2026 aber auch den „Weltmeister der Standardsituationen“. Nachdem sich die Anzahl der Standard-Tore in Europas Top-5-Ligen in den vergangenen sieben Jahren bei durchschnittlich 610 eingependelt hatte, ist diese Saison wieder ein deutlicher Anstieg nachweisbar. In der laufenden Saison sind bereits 669 Tore nach Standardsituationen gefallen. Die Vergangenheit zeigt: Das wird auch bei der WM eine relevante Rolle spielen! Denn während die meisten Standardtore zwischen 2010/11 und 2017/18 fielen und die Weltmeisterschaften 2017/18 (31, Platz 1) sowie 2013/14 (27, geteilter 4. Platz) ebenfalls besonders viele solcher Treffer aufwiesen, ging der Erfolg nach ruhenden Bällen zuletzt deutlich zurück – und bei der WM 2022 fielen ebenfalls nur noch 14 Tore nach Standards, der niedrigste Wert seit 1974 (12).
In der Qualifikation zur WM zeigten sich dabei drei Teams besonders stark bei ruhenden Bällen: ÖFB-Gruppengegner Argentinien und Katar erzielten je 9 ihrer 37 Treffer per Standards, während Tschechien sogar jedes dritte seiner Tore nach einem ruhenden Ball schoss (7 von 22). Speziell die „englische Eckballtaktik“, bei welcher der Raum direkt vor dem gegnerischen Torwart mit vielen Spielern überladen wird, um den Reaktionsradius des Keepers einzuschränken, spielt im aktuellen Weltfußball eine große Rolle und könnte physisch starken Teams beim Turnier in Nordamerika einen Vorteil verschaffen. Premier-League-Meister und Champions-League-Finalist Arsenal FC erzielte so 22 seiner Saisontore, nur Bayern München (27) war noch öfter durch Standards erfolgreich.

Für Statistik-Fans haben wir zum Abschluss noch einen besonderen Leckerbissen aus den Top-5-Ligen Europas: In der laufenden Saison 2025/26 fielen bislang 422 Tore nach Elfmetern, 61 Freistöße wurden direkt verwandelt. 1450 Tore wurden mit dem linken Fuß erzielt, 2414 mit dem rechten Fuß und 744 per Kopfball. Den größten Anteil machen Tore innerhalb der Box aus: 4012 Treffer gegenüber nur 619 erfolgreichen Distanzschüssen. 130 Eigentore fielen in der aktuellen Spielzeit bereits. Die meisten Tore eines Teams bei einer Weltmeisterschaft erzielte übrigens Ungarn 1954, die Magyaren netzten 27 Mal. Vielleicht ein weiterer Rekord, der im Sommer gebrochen wird.