Manchmal liegen Freud und Leid extrem dicht beieinander. Diese Erfahrung musste auch die österreichische Nationalmannschaft am Sonntagmorgen im letzten Gruppenspiel gegen Algerien machen. Erst stürzte Riyad Mahrez das ÖFB-Team mit seinem Treffer zum 3:2 in der 93. Spielminute ins Tal der Tränen und besiegelte damit scheinbar das österreichische Aus in der Vorrunde, bevor Joker Sasa Kalajdzic zum Volkshelden avancierte und eine ganze Nation in der sechsten Minute der Nachspielzeit doch noch ins Glück köpfte! Zum ersten Mal seit 1982 übersteht Österreich somit wieder die Gruppenphase einer Weltmeisterschaft. Nach dem Last-Minute-Sensationstreffer gegen Algerien braucht das Team von Trainer Ralf Rangnick nun aber ein mittelgroßes Fußball-Wunder. Im Sechzehntelfinale trifft man nämlich auf den amtierenden Europameister und Titelfavoriten Spanien.
Österreich reist als klarer Underdog nach Los Angeles
Ein K.o.-Spiel bei einer WM zu bestreiten ist für alle Kaderspieler des ÖFB-Teams natürlich absolutes Neuland. Während man bei den letzten beiden Europameisterschaften immerhin jeweils das Achtelfinale erreichte – jedoch 2021 an Italien (1:2 n.V.) und 2024 an der Türkei (1:2) scheiterte -, absolvierte Österreich bei einer WM zuletzt 1954 ein K.o.-Spiel (1982 qualifizierte man sich „nur“ für die zweite Gruppenphase).
Vor 72 Jahren endete die WM-Reise im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Deutschland (1:6), das Spiel um Platz 3 konnte anschließend jedoch mit 3:1 gegen Uruguay gewonnen werden. Am Donnerstagabend um 21 Uhr MESZ soll nun endlich wieder ein Sieg in einem WM-K.o.-Spiel gelingen, wenngleich man gegen Spanien als klarer Außenseiter in die Partie geht. Datenanbieter Opta errechnet für die Rangnick-Elf gerade einmal eine achtprozentige Chance auf einen Sieg.

Spanien ist seit fünf Pflichtspielen gegen Österreich ungeschlagen (4 Siege, 1 Unentschieden) und hat die letzten beiden Duelle jeweils mit vier Toren Vorsprung gewonnen. In insgesamt 16 Aufeinandertreffen ging die Furia Roja neunmal als Sieger vom Platz, dem ÖFB-Team gelangen bislang vier Erfolge (3 Unentschieden).
Aber: Das letzte direkte Duell (1:5) datiert bereits aus dem Jahr 2009 und das bisher einzige Aufeinandertreffen bei einer Weltmeisterschaft ging an das ÖFB-Team (WM 1978, 2:1 in Buenos Aires). Ob Rot-Weiß-Rot die makellose WM-Bilanz gegen die Spanier auch am Donnerstag im SoFi Stadium in Inglewood aufrecht erhalten kann, darf jedoch bezweifelt werden.

Kann das ÖFB-Team Spaniens Abwehrriegel knacken?
Wenngleich auch die Spanier bisher wahrlich keine überragende WM spielen und es gegen Kap Verde zum Auftakt sensationell nur zu einem torlosen Remis reichte (zudem 4:0 gegen Saudi-Arabien, 1:0 gegen Uruguay), konnten sich das Starensemble von Trainer Luis de la Fuente bisher auf seine Defensive verlassen. Die Iberer sind zusammen mit Mexiko das einzige Team im Turnier, das noch keinen Gegentreffer hinnehmen musste.
Sie verzeichneten in der Gruppenphase den mit Abstand besten Expected-Goal-Against-Wert (0,54 xGA) und ließen die wenigsten Schüsse (14) und die zweitwenigsten Torschüsse (3) zu. Spanien ist seit nunmehr vier WM-Spielen ohne Gegentor und hat damit die längste Serie der Verbandsgeschichte eingestellt, die 2010 während des Titelgewinns aufgestellt wurde. Nur Italien (1990) und die Schweiz (2006-2010) konnten bei einer Weltmeisterschaft jemals fünf Spiele in Folge ohne Gegentor bleiben.
Spaniens Pau Cubarsi hat dabei bislang nur fünf seiner 294 Pässe nicht an den Mann gebracht. Seine Passquote von 98 Prozent ist der Bestwert aller Spieler mit mindestens 100 Pässen. Sowohl Cubarsí (39; 5.) als auch Abwehrkollege Aymeric Laporte (48; 2.) zählten in der Gruppenphase zu den fünf Innenverteidigern mit den meisten linienbrechenden Pässen.
Vordermann Rodri ist sogar erst der fünfte Spieler seit Beginn der Datenerfassung 2010, der in einer WM-Gruppenphase neun oder mehr linienbrechende Pässe in das letzte Drittel spielte. Zuvor gelang dies nur Xabi Alonso (2010, 10), Lionel Messi (2022, 11), Joshua Kimmich (2022, 9) und Bruno Fernandes (2026, 9).

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In der Vorrunde haben zwar nur zwölf Teams mehr Treffer erzielt als Österreich (6, wie 5 weitere Teams), die Rangnick-Elf brachte es aber nur auf einen Expected-Goals-Wert von 3,71 xG (Platz 27). Die acht österreichischen Torschüsse sind gar der 14. schlechteste Wert aller Teams in der Gruppenphase.
Um die Sensation gegen Spanien zu schaffen, muss sich Rot-Weiß-Rot nicht nur verbessert in der Defensive (Gegentore: 6 – Platz 34; xGA: 4,49 – Platz 34) präsentieren, sondern auch offensiv ihre starke Chancenverwertung (22,22 Prozent, Platz 5) aufrechterhalten.
Denn: Sollte Spanien auch gegen Österreich seinen Kasten sauber halten, scheint ein 1:0-Sieg der Iberer vorprogrammiert zu sein. Schließlich haben sie in jedem ihrer letzten sieben K.o.-Spiele bei einer WM gegen europäische Gegner genau ein Tor erzielt und in drei der letzten vier Partien eine Weiße Weste bewahrt – das letzte dieser Duelle ging jedoch 2018 im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Russland verloren (1:1 n.V.). Womöglich liegt also in einem möglichen Elfmeterschießen die große Chance Österreichs …