Am 17. Juni um 6 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit beginnt das große Abenteuer des ÖFB-Teams bei der FIFA Weltmeisterschaft 2026. Im Levi’s Stadium in Santa Clara, in dem Anfang Februar noch der Super Bowl LX ausgetragen wurde, trifft Österreich auf Jordanien. Es wird der erste WM-Auftritt einer österreichischen Nationalmannschaft seit 28 Jahren sein. Am 23. Juni 1998 unterlag man damals im letzten Gruppenspiel Italien mit 1:2 und musste bereits nach der Vorrunde die Heimreise antreten. Um zu evaluieren, ob dieses Schicksal auch dem Team um Trainer Ralf Rangnick droht, werfen wir nicht nur einen detaillierten Blick auf die Spielweise des ÖFB-Teams sondern auch auf deren Erfolgsaussichten gegen die Vorrundengegner in Gruppe J.
Rangnicks „Pressingmaschine”
Seit Rangnick im Jahr 2022 die Rolle des Teamchefs von Franco Foda übernommen hat, stülpte er der österreichischen Nationalmannschaft den „Red-Bull-Spielstil“ über und transformierte sie zu einer Pressingmaschine, die auf hohen Druck, schnelle Umschaltbewegungen und ein aggressives, direktes Spiel baut. Keine Mannschaft setzte seine Gegner in der europäischen WM-Qualifikation intensiver unter Druck als Rangnicks Elf. Österreich verzeichnete die höchste Anzahl an Tacklings (144), wovon sie 57 Prozent gewannen (82), und den niedrigsten Passes-Per-Defensive-Action-Wert (7,14 gegnerische Pässe im Schnitt bevor eine defensive Aktion erfolgte). Darüber hinaus kam man auf die zweitmeisten Ballgewinne (357) und die meisten Balleroberungen im letzten Spieldrittel (56) aller Teams. Wurde der Gegner erfolgreich hoch verteidigt und zu Ballverlusten gezwungen, benötigte der ÖFB-Angriff oft nur wenige (vertikale) Pässe, um eine Torchance zu kreieren (21 Großchanchen insgesamt).

Um diesen Spielstil erfolgreich zu implementieren, setzt Rangnick in der Regel auf ein klassisches 4-2-3-1-System. Die Rolle des Defensivstabilisators im Mittelfeld übernimmt dabei zumeist Nicolas Seiwald. Der 24-Jährige von RB Leipzig setzte im Rahmen der Qualifikation zu den meisten Tacklings aller ÖFB-Spieler an (16, wie Stefan Posch) und gewann 50 Prozent davon (8). Darüber hinaus spielte er die zweitmeisten Pässe (454) und sorgte für die viertmeisten Zuspiele, die im letzten Spielfelddrittel endeten (108).
Übertoffen wird er in dieser Kategorie unter anderem von Marcel Sabitzer (198, Platz 1 im Team). Der mittlerweile 31-Jährige kommt im Nationaldress im Gegensatz zu seinen Einsätzen für Borussia Dortmund über den Flügel, agiert aber zumeist dennoch als primärer Spielmacher in Rangnicks Offensive. Sabitzer kreierte die mit Abstand meisten Chancen in der Qualifikation für sein Team (13, 3 davon Großchancen), erzielte drei Treffer und legte drei weitere Tore auf (Bestwert). Seine sechs Scorer sind der zweitbeste Wert im Team nach Marko Arnautovic (9).
„Astronautovic’sche“ Effizienz
Der Angreifer von Roter Stern Belgrad soll auch bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko für die österreichischen Tore sorgen. Im Rahmen der Qualifikation zeigte sich Arnautovic besonders treffsicher. Jeder zweite Schuss (16) des 36-Jährigen zappelte schlussendlich im Netz (8 Tore)! Kam ein Arnautovic-Schuss aufs Tor (11), landete der Ball zu 72,7 Prozent im gegnerischen Kasten. Wenngleich der ÖFB-Rekordtorschütze (47 Tore) in der aktuellen Klubsaison mit Verletzungen zu kämpfen hat, war er in der serbischen Superliga in zehn Spielen bereits an zehn Treffern (4 Tore, 6 Vorlagen) und in der Europa League an weiteren drei Toren (9 Spiele, 2 Treffer, 1 Vorlage) direkt beteiligt.

Mit Konrad Laimer (FC Bayern), Kevin Danso (Tottenham), David Alaba (Real Madrid), Xaver Schlager und Christoph Baumgartner (jeweils RB Leipzig) verfügt die potenzielle Startelf des ÖFB-Teams über reichlich weitere Qualität. Während die beiden letztgenannten eine starke Saison in der deutschen Bundesliga spielen, kommt Kapitän Alaba in Madrid zwar nur äußerst sporadisch zu Kurzeinsätzen – könnte ob seiner Erfahrung und spielerischen Qualität jedoch ein wichtiger Faktor bei der WM für Rot-Weiß-Rot werden.
Laimer wiederum spielt in München die womöglich beste Saison seiner Karriere auf der Rechtsverteidigerposition. Er steuerte bereits zwei Treffer und vier Vorlagen in der Bundesliga (18 Partien) und vier Assists in sechs Champions-League-Spielen bei. Zudem kreierte er in Deutschlands höchster Spielklasse die fünftmeisten Chancen (25) und die siebtmeisten Großchancen (4) beim deutschen Rekordmeister – wohlgemerkt in (verletzungsbedingt) weniger Spielen als seine Mitspieler. Im ÖFB-Team gilt der 28-Jährige als Allzweckwaffe und lief in der Qualifikation bereits als Rechts- und Linksverteidiger, als Zehner, Sechser und rechter Mittelfeldspieler auf (2 Tore, 1 Vorlage). Das einzige Mannschaftsglied, in dem es der Rangnick-Truppe an internationaler Klasse mangelt, ist die Position des Torhüters. Kein ÖFB-Schlussmann spielt aktuell in einer der Top-5-Ligen Europas.
Starke Gruppe mit Favorit Argentinien
Losglück hatte Österreich bei der Auslosung der WM-Gruppen Anfang Dezember 2025 sicherlich nicht. Laut Datenanbieter Opta hätte es sogar kaum schlechter laufen können. Schließlich wurde Rot-Weiß-Rot in die ausgeglichenste und schwierigste aller Vorrundenstaffeln gelost. Mit Argentinien, Algerien und Jordanien bekommt es das ÖFB-Team dabei mit nahmhaften Gegnern zu tun, gilt selbst jedoch als zweitstärkstes Team der Gruppe. Da zudem 32 der 48 Teilnehmer die K.o.-Runde erreichen, stehen die österreichischen Chancen auf den Aufstieg durchaus gut.

Topfavorit der Gruppe J ist der amtierende Weltmeister Argentinien. Der aktuell Zweitplatzierte der FIFA-Weltrangliste könnte das dritte Team der WM-Geschichte werden, das seinen Titel verteidigt (Italien 1934 und 1938, Brasilien 1958 und 1962). Angeführt wird die Auswahl von Kapitän Lionel Messi. Der mittlerweile 38-Jährige (13 WM-Tore) benötigt nur noch drei Treffer, um in der ewigen Torjägerliste mit Miroslav Klose (16) gleichzuziehen. Altersbedingt dürfte die WM 2026 die letzte Chance des Ausnahmekünstlers sein, um mit dem Deutschen gleichzuziehen oder diesen gar zu überholen.
Taktisch vertraut Trainer Lionel Scaloni dem gleichen Konzept, das den Südamerikanern 2022 den WM-Titel einbrachte. Er setzt weitgehend auf die gleichen Spieler, die gleiche 4-3-3-Formation und die gleichen Prinzipien wie bei dem Turnier vor vier Jahren. Diese fußen auf hohen Ballbesitzphasen (64,4 Prozent Ballbesitz in der Qualifikation) und einem kompakten Mittelfeldblock, der den Gegner früh und intensiv unter Druck setzen soll (PPDA 9,34). Wenngleich nach Ballgewinnen schnell, vertikal in die Spitze gespielt werden soll (68 Balleroberungen im letzten Spieldrittel, Platz 4), bleibt offensiv Raum für individuelle Momente der Starspieler (31 Tore in 18 Spielen, 32 Großchancen kreiert).

Direktes Duell gegen Österreich: Auf dem Papier ist die ÖFB-Elf klarer Außenseiter gegen Argentinien. Die Albiceleste verteidigt in der Regel kompakt und aggressiv und verfügt über hohe Ballbesitzkontrolle und ein kluges Positionsspiel. Dahingehend könnte es für Österreich schwierig werden, zu klaren Torchancen zu kommen – das Rangnicksche Pressingsystem könnte an seine Grenzen stoßen. Jedoch wird Argentinien voraussichtlich eines der ältesten Teams des Turniers stellen. Womöglich liegt hier die Chance für das ÖFB-Team! Kann man sein intensives und aggressives, direktes Spiel auf den Platz bringen und Arnautovic seine Effizienz vor dem Tor aufrecht erhalten, ist man auch gegen den amtierenden Weltmeister nicht chancenlos.
Algerien könnte ein willkommener ÖFB-Gegner sein
Am letzten Vorrundenspieltag trifft die ÖFB-Auswahl auf Algerien. Die Nordafrikaner nehmen zum fünften Mal an einer WM-Endrunde teil und zum ersten Mal seit sie 2014 im Achtelfinale in der Verlängerung am späteren Weltmeister Deutschland scheiterten (1:2 n.V.). Das Team des Schweizer Trainers Vladimir Petkovic marschierte größtenteils mühelos durch die Qualifikation. Es gewann acht seiner zehn Spiele, stellte mit 24 Treffern die drittbeste Offensive – alleine Wolfsburgs Mohamed Amoura traf zehn Mal – und zeigte sich äußerst ballsicher (63,6 Prozent Ballbesitz, Platz 2). Wenngleich die Zahlen einen guten Eindruck erwecken, wirkte das Aufbauspiel trotz der durchaus vorhandenen individuellen Klasse im Mittelfeld mit Spielern wie Ismaël Bennacer, Fares Chaibi und Ibrahim Maza mitunter statisch und behäbig. Oftmals kommen die Algerier somit eher nach erfolgreichem hohen Pressing und dem Ausnutzen gegnerischer Fehler zum Abschluss.
Direktes Duell gegen Österreich: Die größte Schwäche des Petkovic-Teams ist die eigene Anfälligkeit nach Ballverlusten. Die Defensive der Afrikaner offenbarte wie zuletzt beim Viertelfinal-Aus im Afrika Cup Anfang des Jahres gegen Nigeria (0:2) bei schnellen Umschaltmomenten des Gegners immer wieder Schwächen in der Rückwärtsbewegung, die auch von Österreich ausgenutzt werden könnten. Da auch das teils statische Aufbauspiel vor allem gegen pressingstarke Teams negativ zum Tragen kommt, könnte der Spielstil des ÖFB-Teams bestens geeignet sein, um drei Punkte gegen die Afrikaner einzufahren.

Geduldsprobe gegen Jordanien?
Jordanien feiert im Sommer 2026 in den USA, Kanada und Mexiko sein WM-Debüt. Sollte das Team von Trainer Jamal Sellami den Sprung in die K.o.-Runde schaffen, wären sie der erste Neuling seit der Slowakei 2010, dem dies gelingt. In einer Gruppe mit Argentinien, Österreich und Algerien übernehmen die Asiaten jedoch die Rolle des krassen Außenseiters ein. Der 64. der FIFA-Weltrangliste setzte in der Qualifikation auf einen stark defensivorientierten Spielansatz. Die nominelle 3-5-2-Formation wird in der Rückwärtsbewegung zu einem 5-4-1 mit breit positionierten Verteidigern, welche die Bälle gewinnen und schnelle Gegenstöße einleiten sollen. Die Offensive des Sellami-Teams kommt demnach fast ausschließlich mit vertikalen Läufen nach Balleroberungen zum Erfolg. Wenig überraschend kam man dementsprechend mit 46,7 Prozent auf den niedrigsten durchnittlichen Ballbesitzwert aller asiatischen Qualifikanten.
Direktes Duell gegen Österreich: Für das ÖFB-Team könnte das Spiel gegen Jordanien zur Geduldsprobe werden. Die Asiaten werden tief und kompakt verteidigen und auf österreichische Ballverluste lauern. Bei einem aggressiven Pressing mit hochstehenden Verteidigern muss das Rangnick-Team daher unbedingt auf schnelle Tempogegenstöße der Jordanier vorbereitet sein. Das Sellami-Team braucht meist nur wenige Aktionen, um gefährlich zu werden. Es setzt nicht auf ein kontrolliertes Spiel, sondern auf Chaos nach Ballgewinn. Dennoch bietet der Gegner grundsätzlich gute Voraussetzungen für den rot-weß-roten Spielstil. Der geringe Ballbesitz und das eher simpel gehaltene Aufbauspiel der Asiaten dürfte dem ÖFB-Team entgegenkommen. Zudem könnten sie mit dem laufintensiven Spiel Österreichs überfordert sein, es ist kaum vorstellbar, dass sie dieses Tempo über 90 Minuten mitgehen können. Liefert das Rangnick-Team eine konzentrierte Partie ab, vermeidet einfache Ballverluste und sorgt für eine gute Konterabsicherung, sollte einem Sieg nichts im Wege stehen – viel Geduld wird man aber wohl dennoch mitbringen müssen.
