Offene Baustellen: Wo Österreich bei der WM 2026 unbedingt besser werden muss!

Am Donnerstag fällt er zum ersten Mal unter 50 Tage: Der Countdown zur FIFA Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Auch wenn im Klubfußball die heiße Saisonphase gerade erst begonnen hat, befinden sich die ersten Fans bereits im WM-Fieber. Rot-weiß-rote Trikots färben das Stadtbild, Fachsimpeleien über die beste Aufstellung und die Chancen des ÖFB-Teams beschäftigen die Fußballfans – Österreich ist heiß auf das Sommerturnier! Doch während die Ergebnisse in der Qualifikationsphase und den Testspielen für Vorfreude und Zuversicht sorgen, mahnt die Erinnerung an die Vergangenheit im Hintergrund. Bei der letzten WM-Teilnahme 1998 in Frankreich war schließlich schon nach der Vorrunde Schluss! Kann die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick den Erwartungen der Fans 28 Jahre später gerecht werden? Mit einem starken Kern an Leistungsträgern ist man gut gerüstet, doch es lassen sich auch noch Schwächen identifizieren, die den ÖFB im Turnierverlauf verwundbar machen könnten.

Die Philosophie: Gefahr der Konteranfälligkeit

Seit Ralf Rangnick Ende Mai 2022 Franco Foda als ÖFB-Teamchef abgelöst hat, hat sich in Österreichs Nationalmannschaft einiges getan, allgemein lässt sich eine sehr positive Entwicklung bilanzieren. Stand man zu Beginn von Rangnicks Amtszeit in der FIFA Weltrangliste noch auf Platz 34, so findet man sich vier Jahre später auf dem 24. Rang wieder. Ein ebenso klares Indiz für den ÖFB-Fortschritt ist die erfolgreiche WM-Qualifikation, nachdem die sechs Endrunden zuvor ohne österreichische Beteiligung stattfanden. Mancher Fan verortet das Rangnick-Team beim Turnier in Nordamerika sogar im erweiterten Kreis der Geheimfavoriten.

Auch die Spielphilosophie hat sich unter Rangnicks Leitung geändert. Der 67-Jährige implementierte in der Nationalmannschaft erfolgreich den „Red-Bull-Spielstil“ und etablierte rund um seine Schlüsselspieler wie Mittelfeldmotor Nicolas Seiwald, Spielmacher Marcel Sabitzer oder Allzweckwaffe Konrad Laimer eine exzellent funktionierende Pressingmaschine. Unter anderem verzeichnete das ÖFB-Team in der europäischen WM-Qualifikation die zweitmeisten Ballgewinne (357) und sogar die meisten Balleroberungen im letzten Spieldrittel (56). Nur zwei Teams in Europa verteidigten in den Qualifikationsspielen durchschnittlich noch höher als Österreich.

Opta Grafik: Durchschnittliche Entfernung vom eigenen Tor bei Balleroberungen im offenen Spiel.

Der teils aggressive und enorm intensive Spielstil birgt aber auch Risiken. Wenn die Ordnung verloren geht oder das Angriffspressing überspielt wird, kommen die Gegner selbst schnell zu Torgelegenheiten. Trotz der vielen Ballgewinne des ÖFB-Teams ließen von den europäischen WM-Teilnehmern nur Schottland (95) und die Türkei (82) in ihren Qualifikationsgruppen mehr gegnerische Schüsse zu als Österreich (76). Zwar kassierte man daraus nur vier Gegentore, doch nur vier Teams aus Europa, die sich für das Turnier qualifizieren konnten, wiesen einen höheren Expected-Goals-Against-Wert auf als das ÖFB-Team (6,49). Kein WM-Fahrer überperformte seine erwarteten Gegentore stärker als das Rangnick-Team (+2,49).

In der Qualifikationsgruppe ließ Österreich zwar nur acht gegnerische Konter zu, allerdings führten sieben davon direkt zu einem Torschuss des Gegners. Bei der WM wird nun auch die Qualität der Gegner steigen, insbesondere im Vergleich zu San Marino und Zypern. Gerade wenn die Beine zum Ende des Spiels schwerer werden, könnte diese Gefahr zu einem verwundbaren Punkt der Nationalmannschaft werden. Drei seiner vier Gegentore kassierte Österreich in der Qualifikation erst in der zweiten Halbzeit – der zweithöchste anteilhafte Wert (75 Prozent) aller europäischen WM-Teilnehmer nach Schottland und Tschechien (je 86 Prozent).

Fehlende Turnier-Erfahrung und Comeback-Qualitäten

Offiziell zählt die Weltmeisterschaft 2026 vier Neulinge: Kap Verde, Curaçao, Usbekistan und Österreichs erster Gruppengegner Jordanien. Allerdings ist auch für den ÖFB das Turnier in Nordamerika völliges Neuland. Weder Trainer Rangnick noch ein aktueller Nationalspieler nahmen jemals an einer WM teil. Einzig Sabitzer und Laimer lässt sich interkontinentale Turniererfahrung attestieren. Die beiden Mittelfeldprofis spielten im Sommer 2025 mit Borussia Dortmund und Bayern München bei der FIFA Klub-WM und kamen dort jeweils bis ins Viertelfinale. Alaba verpasste das Turnier mit einem Meniskusriss.

In der Gruppenphase dürfte dieser Mangel an Erfahrung noch kein großer Nachteil sein. Zwar trifft Österreich in Gruppe J auf Titelverteidiger Argentinien (allein Lionel Messi nahm bereits an 5 Weltmeisterschaften teil und ist mit 26 Einsätzen WM-Rekordspieler), doch neben Neuling Jordanien weist auch Algerien nur wenig WM-Erfahrung auf. Aus dem aktuellen Pool an Spielern waren nur Verteidiger Aissa Mandi (3 Einsätze), Mittelfeldmann Nabil Bentaleb (3) und Kapitän Riyad Mahrez (1) schon 2014 bei der bislang letzten Teilnahme der Wüstenfüchse dabei. Algeriens Nationaltrainer Vladimir Petkovic kann allerdings bereits auf eine erfolgreiche WM-Vorrunde zurückblicken, der Schweizer führte die Eidgenossen 2018 bis ins Achtelfinale. Sollte Österreich in die K.o.-Runde aufsteigen, könnten erfahrenere Gegner aber im Vorteil sein.

Letztes ÖFB WM Spiel war 1998 gegen Italien.
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Ein weiterer Nachteil für das ÖFB-Team könnten die zuletzt überschaubaren Erfahrungen mit K.o.-Spielen und vor allem Rückständen sein. Seit Beginn der Europameisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland sind Rangnick und seine Männer in sieben Spielen in Rückstand geraten – kein einziges davon wurde gewonnen (2 Unentschieden, 5 Niederlagen, darunter der verpasste Aufstieg in den Nations-League-Playoffs gegen Serbien). Das letzte Mal, dass Österreich nach einem Rückstand noch gewinnen konnte, war in der EM-Qualifikation am 27. März 2023 gegen Estland (2:1 nach 0:1). Es war zugleich der einzige Sieg nach Rückstand in der Ära Rangnick. Ein gewonnenes K.o.-Spiel fehlt unter dem 67-Jährigen noch gänzlich. Das bislang einzige im EM-Achtelfinale gegen die Türkei verlor die Nationalmannschaft knapp mit 1:2.

Werden fehlende Qualitäten bei Standardsituationen zum Verhängnis?

Nicht selten spielen bei großen Turnieren einstudierte Varianten und Abläufe, die der eigenen Mannschaft bei ruhenden Bällen Vorteile verschaffen, eine wichtige Rolle. Nahezu alle Teams im modernen Fußball verfügen mittlerweile über Analysten, welche die Standardsituationen der Gegner genaustens studieren und eigene, kreative Lösungen für einen Überraschungsmoment vorbereiten. Bei der WM 2022 in Katar fielen laut Datenanbieter Opta zwar nur 31 Tore (inkl. Elfmeter) nach ruhenden Bällen (18 Prozent), womit der Wert nach 2018 (53 Tore, 31,2 Prozent) drastisch gefallen war, doch im aktuellen Spitzenfußball spielen Standardvarianten wieder eine elementare Rolle. Dabei zeichnet sich vor allem bei Eckstößen ein Trend ab: Der Torraum wird mit eigenen Spielern bewusst vollgestellt, um den Bewegungsradius des gegnerischen Torhüters einzuschränken und die Bälle für eine höhere Chance auf eine direkte Verwertung so noch näher an das Tor zu schlagen.

Kann Österreich daraus beim bevorstehenden Turnier Kapital schlagen? Das ist wohl eher zu bezweifeln. Im Gegenteil: In der EM-Qualifikation gelang Österreich nur ein einziges Tor nach einem ruhenden Ball (ausgenommen Elfmeter), ein Anteil von 4,5 Prozent (insgeamt 22 Tore) – und dieser Treffer fiel auch noch beim Zehn-Tore-Spektakel gegen Fußballzwerg San Marino. Von allen Teams aus Europa, die sich für die WM qualifiziert haben, hat nur Portugal (0 von 20) eine schlechtere Quote. Auf der anderen Seite hat das ÖFB-Team zwei gegnerische Treffer nach Standardsituationen zugelassen, unter anderem bei der 0:1-Niederlage im Oktober gegen Rumänien. Bei insgesamt nur vier Gegentoren resultierte somit jedes zweite aus einem ruhenden Ball, kein europäischer WM-Teilnehmer hat eine höhere Quote. Überhaupt kassierte nur Tschechien (3) in den Qualifikationsspielen mehr Treffer nach gegnerischen Standards. Besonders kritisch könnte hier für das ÖFB-Team die Torhüter-Situation werden: Alexander Schlager (1,84m) und Patrick Pentz (1,83m) gehören nicht zu den größten und durchsetzungsstärksten Keepern der WM.

Opta Grafik: Wie gut sind Österreichs Ecken?

Chancenkreation gegen ebenbürtige Gegner

Neben den genannten, messbaren Punkten bleibt aus österreichischer Sicht zudem noch die Frage: Kann die Mannschaft ihren aktuellen Spielstil auch gegen Teams auf Augenhöhe auf den Platz bringen und ausreichend hochkarätige Chancen kreieren? Blickt man auf die WM-Qualifikation des ÖFB-Teams, so lässt sich zumindest darüber diskutieren, ob die insgesamt 22 Tore und 107 Abschlüsse nicht etwas über die tatsächliche Qualität der Rangnick-Truppe hinwegtäuschen. Schließlich resultierten 14 Treffer (63,6 Prozent) sowie 47 Abschlüsse (43,9 Prozent) von Arnautovic und Co. aus den beiden Duellen gegen San Marino.

Zieht man stattdessen nur die Qualifikationsspiele gegen Zypern (22 Abschlüsse, 3 Tore), Bosnien und Herzegowina (21/3) sowie Rumänien (17/2) heran, so lässt sich feststellen, dass Österreich gegen qualitativ bessere Gegner nur 10 Schüsse pro 90 Minuten (4,5 auf das Tor) und 1,33 Treffer pro Spiel verzeichnete. Waren es gegen San Marino noch 17 Großchancen in zwei Spielen, so kreierten Sabitzer und Co. gegen Zypern (8), Bosnien (3) und Rumänien (0) in sechs Partien nur noch 11 Big Chances. Es zeigt sich dabei ein signifikanter Zusammenhang zwischen hohem Ballbesitz und hochkarätigen Torchancen: Hatte Österreich in den beiden Qualifikationsspielen gegen San Marino noch durchschnittlich 69 Prozent Ballbesitz, sank der Wert gegen Zypern (66,4 Prozent), Bosnien und Herzegowina (64,4 Prozent) und Rumänien (57,2 Prozent) teilweise deutlich – und mit ihm auch die Großchancen. In den abschließenden drei Qualifikationsspielen gegen Rumänien, Zypern und Bosnien kam das ÖFB-Team nur noch auf drei Tore (3,86xG) und insgesamt 25 Schüsse (10 auf das Tor) sowie 8 Großchancen.

Opta Grafik: Von welcher Position aus hat Österreich seine Tore erzielt in den letzten drei Quali-Spielen.

Der Trend bestätigte sich auch zuletzt in den Testspielen. Gegen Ghana war Österreich das deutlich bessere Team und hatte mehr Spielanteile (60 Prozent), aus denen man 11 Abschlüsse (7 auf das Tor, 5 Treffer) und 4 Großchancen kreieren konnte. Südkorea dagegen hielt besser dagegen und ließ nur 55,4 Prozent Ballbesitz des ÖFB-Teams zu, das so zu keiner Großchance kam und insgesamt nur 5 Abschlüsse hatte (1 auf das Tor, 1 Treffer). Vor allem für die WM-Spiele gegen Gruppenfavorit Argentinien und die spielstarken Algerier wird es also wichtig sein, dass Rangnick und Co. Lösungen finden, um sich auch in ausgeglichenen Duellen genügend hochwertige Chancen zu erarbeiten, um diese Spiele auf die eigene Seite zu ziehen. Findet Österreich zudem die ideale Mischung aus hohem, intensivem Pressing und einer guten Konterabsicherung und können Sabitzer und Co. auf potentielle Rückschläge Antworten finden, ist für das ÖFB-Team in Nordamerika auf jeden Fall mehr drin als bei der WM vor 28 Jahren.